| Elle Lieb / email / April
2010 Liebe in der Luft
Hey Sie! Wie geht es dir denn?
Nach
sieben Jahren Erziehungszeit entschloss ich mich den Weg
zurück in den Beruf einzuschlagen. Unsinnige Idee - ich
gab relativ schnell auf. Wer würde schon eine zweifache
Mutter, die so lange Kinder gehütet hat einstellen.
Meine Ausbildung war trotz der guten Ergebnisse einfach
zu lange her. Was Neues musste passieren!
So entschloss ich mich, mich der Finanzbuchhaltung und
dem Personalrecht zu widmen. Innerhalb weniger Tage hatte
ich voller Elan ein Kursangebot zusammengestellt, das
mich wieder in die Arbeit bringen sollte. Für mich als
zweifache Mutter und Ehefrau der Hammer: Ein Jahr lang,
ohne Urlaub, 5 Tage in der Woche je 8 Stunden Unterricht.
Zwischendurch und am Ende Prüfungen - dann eine ganz
neue Berufsbezeichnung. Ich wusste es wird hart - aber
ich schaffe meistens alles was ich mir in den Kopf setze.
Die wirkliche Härte ahnte ich nicht ein Mal in meinen
schlimmsten Alpträumen.
Der erste Kurs hatte schon zwei Tage zuvor angefangen,
ich platzte also mitten in den Unterricht und setzte mich
auf einen leeren Platz. Ein Angestellter stellte mich dem
Dozenten vor und ging. Der Dozent war ein sympathischer
Mann, klein, aber er gefiel mir, weil er die gleichen
grau gestreiften Anzüge trug, wie mein Vater sie gerne
trug. Und ich vermisse Papa so sehr - dachte ich.
Ebenfalls setzte der Dozent sofort ein breites Lächeln
auf als er mich sah und reichte mir das Blatt, das er in
der Hand hielt. Ich fühlte mich als hätte ich schon
immer diesen Platz belegt, als hätte ich schon immer in
seine azurblauen Augen geschaut. Alles so vertraut...Er
war sehr humorvoll und er lachte herzlich über meine
Witze, als hätten wir uns schon immer gekannt. Seit dem
stand und lief er irgendwie immer hinter mir - es sollte
ein Jahr lang anhalten. In den Pausen wartete er bis ich
raus ging und lief hinter mir, zum Feierabend wartete er
in seinem Auto bis ich raus kam oder meine Zigarette
aufgeraucht hatte und fuhr dann winkend an mir vorbei.
Seine Blicke gingen mir durch und durch, ich hatte das
Gefühl, dass er mit seinem Blick an meinem Hinterkopf
kratzt.
Meinen Lebtag habe ich nicht so geschwitzt! Siebzehn Kilo
habe ich in seinem Kurs weggeschwitzt, ich dachte aber es
ist das Fahrradfahren und das Treppensteigen.
Er machte kein Geheimnis daraus, wie begeistert er über
mein Auftreten, meinen schnellen Verstand, meinen Humor
und eben meine ganze Art war. Wie die Tage vergingen, so
wurde sein Verhalten immer eindeutiger. Seine Augen
glitzerten wie Saphire, feurig wie Karfunkelsteine,
Leidenschaft spiegelte sich darin. Er hatte meistens
einen Frosch im Hals, wenn ich mit ihm sprach und er
hielt seine Hose fest, wenn ich ihn länger ansah. Er
wollte auch, dass ich ihn ansah, er zuppelte solange am
Unterrichtsmaterial und ließ nicht los bis ich ihn
ansah, dann lächelte er breit und verteilte weiter.
Ich dachte mir: Dieses Ferkel sucht sich bestimmt in
jedem Kurs einen Liebling aus, so macht das ewige
Herumkauen auf demselben Stoff wenigstens doch ein wenig
Spaß.
Er war immer mit dem einverstanden was ich von mir gab,
er mischte sich immer in meine Gespräche ein (ich saß
in der ersten Reihe) und er machte eindeutige
Bemerkungen. Z.B. sagte meine Kollegin mal, ihr würde
eine Frau die sie getroffen hatte nicht aus dem Kopf
gehen, da schaute er prompt zu mir und sagte, ihm ginge
auch eine Frau nicht aus dem Kopf. Auch hörte er Musik
aus meinem Heimatland. Überhaupt zeigte er sich mit
Namen und Geschichte aus meinem Heimatland bekannt.
Einmal, als die anderen hochkonzentriert arbeiteten und
ich schon fertig war, sagte er leise über dem Bildschirm
"Che Bella!". Es kam mir so laut vor und es war
mir so peinlich, dass mir nichts weiter einfiel als
"Sie bellen?" er erwiderte leise
"Libellen, jaaa". Ich nun wieder schlagfertig
wie ich bin "Libellen hat mancher zuhause!". Er
lächelte peinlich berührt.
Eines Tages musste ich es austesten. Als er mir mal
wieder zuzwinkerte, zwinkerte ich einfach zurück. Ich
dachte mir: Wenn er Übung darin hat, dann dürfte er
sich nicht verlieren. Er drehte sich sofort zur Tafel um
und rechnete einen groooßen Unsinn zusammen.
Schließlich wunderte er sich selbst darüber. Also
dachte ich mir, ich muss da auf jeden Fall für Klarheit
sorgen, ihm sagen, dass ich nicht zu haben bin. Was denkt
er sich eigentlich? Ich bin schon mein halbes Leben mit
meinem Mann zusammen, dann kommt da so ein...
Karfunkelauge und schon ist alles vorbei??? Neee Neee...
Nachdem ich meinen Mann traf, damals mit 16 Jahren, sah
ich nie wieder einen Mann. Ich sah immer nur die
Menschen. Ich entwickelte eine Art Immunität gegenüber
dem anderen Geschlechts, dies ermöglichte es mir sowohl
mit Frauen, wie auch mit Männern völlig unbefangen und
ohne Hintergedanken umzugehen. Beide Geschlechter wussten
diese Unbefangenheit sehr zu schätzen und mir ging es
sehr gut damit.
Das Ganze ging mir sehr nah, ich wurde ihn einfach aus
dem Kopf nicht los! Nachts, in meinen Träumen saß er
auf meiner Bettkante und erzählte mir Fachliches.
Ich musste etwas machen, wollte ihn aber auch nicht
verärgern. Ich nahm mir vor, ihn einfach zu fragen was
nun los ist. Ich legte mir einige schlaue und
einfühlsame Gedanken auf Wiedervorlage für ein
Gespräch mit ihm. Tagelang trug ich diese im Hals mit
mir herum und traute mich nicht. Und dann lief er an mir
vorbei und lächelte und ich sagte im Befehlston:
-Nun warten Sie doch mal! Haben Sie mir vielleicht was zu
sagen? (OH Gott wo ist meine Wiedervorlage, wo bloß?
Hilfe.. es ist schwerer als ich dachte! Schon kam von ihm
die Trotzreaktion)
-Nnnnein, was meinen Sie damit?
-Ich hatte den Eindruck, dass Sie mich bevorzugen...und
das wäre nicht in Ordnung
-Neeein, für mich sind alle gleich. Wollen wir uns im
Auto weiter unterhalten?
-Nein! Wenn alle gleich sind, dann ist alles in bester
Ordnung und es gibt ja nichts zu bereden!
Da hatte meine berühmte "Art" ja ganze Arbeit
geleistet. Ich war entsetzt, auch darüber, dass es
richtig weh tat. Als ich auf mein Fahrrad sprang und
losfuhr, schlotterten meine Knie und meine Hände
zitterten unkontrolliert, ich frage mich jetzt noch wie
ich bloß von der Stelle kam. Ein Wirrwarr von Gedanken
und Erkenntnissen wirbelte geschwind in meinem Kopf
herum. Was war passiert? Warum brachte es mich so
durcheinander? Er war derjenige der verwirrt sein sollte,
nicht ich? Ohhh...ich ahnte Böses...Offensichtlich war
ich -verheiratete Frau und Mutter - auf dem besten Weg
mich in einen vergebenen Mann und Vater zu verlieben.
Große Angst überkam mich und änderte meine
Denkrichtung: Von nun an sollte ich mein Bestes versuchen
um die Aufmerksamkeit meines Mannes wieder zu gewinnen.
Ich glaubte, ich hatte vergessen Ehefrau zu sein als ich
Mutter wurde. Genau da wollte ich das Problem anpacken,
an der Wurzel. Ich wurde also ab sofort beste und
liebevollste Frau der Welt und führte gleichzeitig einen
unsichtbaren Kampf gegen meinen eigenen Kopf. Ganz
nebenbei lernte ich 8 Stunden am Tag.
Die nächsten zwei Tage näherte er sich mir kaum und er
schaute mich nur an, wenn er dachte, dass ich es nicht
bemerke.
Am zweiten Tag brauchte ich seine Hilfe und sagte
"Herr..., ich habe hier was gerechnet und ich
wüsste gerne WAS!" Plötzlich waren da wieder das
breite Lächeln und die funkelnden Augen. Danach ging
alles wie gehabt weiter. Später sollte ich feststellen,
dass er seit dem erheblich abgenommen hatte. Der pralle
wackelnde Po vor der Tafel war innerhalb 2-3 Wochen fast
weg. Verdammt, den hätte ich nur zu gerne einmal
gekniffen!
Die Nummer mit der besten Frau und so, wurde zuhause
leider nicht so angenommen wie ich es erhofft hatte...
Aber .... er hatte offenbar dieselbe Idee... denselben
Plan... und er ging auch auf... Ebenfalls wurde seine
Frau dabei schwanger und er wurde launisch und starrte
oft Löcher in die Luft. Für mich war das wie ein Schlag
ins Gesicht, ich konnte es nicht glauben, hab´s anfangs
verdrängt. Als er es - nicht sehr begeistert - ganz
nebenbei in den Raum stellte, gratulierten ihm alle. Für
mich stand für einen Moment alles still, ja... selbst
mein Herz. Ich musste ihn mir aus dem Kopf schlagen, das
stand fest! Zu diesem Zweck ging ich sofort auf die
Toilette, machte die Tür hinter mir zu, und lehnte mich
mit der Stirn an die Fliesen. Ich hatte einfach keine
Luft mehr, mein Hals war wie zugeschnürt, verdammt heiß
war es auch ganz plötzlich geworden. Ich fühlte wie
meine Knie versagen und ich langsam aber sicher die Wand
hinunter gleite, also drückte ich auch meinen Brustkorb
gegen die Wand. Die Fliesen - die ich sonst nie
freiwillig angefasst hätte - waren kühl und wohltuend.
Ich klopfte langsam und rhythmisch mit dem Kopf auf die
Fliesen. Nun ja, ich sehe selten so bescheuert aus, zu
was anderem war ich leider nicht im Stande. Nicht in
diesem Moment. Nicht nach einer solchen Nachricht!
Ehrlich gesagt wusste ich überhaupt nicht was gerade mit
mir geschah, musste ich Klein? Musste ich Groß? Musste
ich mich übergeben? Vielleicht musste ich auch einfach
einen Schluck Wasser trinken? Aber vor allem wusste ich
nicht warum? Warum konnte ich mich nicht für ihn freuen,
ihn für seinen Mut in dem Alter (47) noch ein Kind zu
bekommen loben oder beglückwünschen - was man da auch
immer macht! Ich wollte nichts von ihm, das stand fest!
Er sollte nun auch nichts mehr von mir wollen, stand auch
fest! Dann sollten sich doch die Probleme von selbst
gelöst haben, oder? Wunderbar... Aber in diesem
"oder" steckt mehr drin als man denkt, bzw. wer
denkt schon noch, wenn er verliebt ist? Gefühle sind
etwas Irrationales, etwas, das wir wohl nie ganz
verstehen und noch weniger beeinflussen können.
Für ein paar Tage schien alles ganz normal. Nachdem der
erste Schock verging, wurde er aber wieder wie am Anfang.
Der Kurs sollte bald zu Ende gehen und das war das
Einzige was ihm zu schaffen machte, mir ebenfalls. Ich
weiß aus Erfahrung, dass Männer keine Beziehung zu
einem Kind aufbauen können, wenn sie es noch nicht sehen
und anfassen können. Mein Plan war nun: Durchhalten bis
sich das Kind bewegt, dann wird er schon aufhören.
Hauptsache ich lasse mir nichts zu schulden kommen. Aber,
was sollte ich machen? Mit meinem Kopf und der ganzen
unkontrollierbaren Gefühlsduselei?
Es war aber auch irgendwie schön wieder wahrgenommen zu
werden. Mein Mann war nicht sehr begeistert darüber,
dass ich mit den Kindern mein Gewicht fast verdoppelt
hatte... Das ließ er mich auch spüren. Sein Außenbild
war ruiniert, ich hatte die bildschöne Frau an seiner
Seite durch eine Tonne ersetzt! Und ich kam durch seine
Ablehnung in ein Teufelskreis: Je mehr er mich ablehnte,
desto mehr nahm ich zu und je mehr ich zunahm, desto mehr
lehnte er mich ab. Zum Schluss ernährte ich mich fast
nur noch von Schokolade und füllte so die Leere in mir
drin, denn ich musste für meine Kinder stark sein,
durfte mir kein bisschen Unglück anmerken lassen. Ich
fand das beste Ventil der Welt, das niemanden störte:
Musik. Immer, überall und so laut es ging. Sie erhielt
mir die gute Laune und gab mir die Kraft für meinen
Alltag. Was die körperliche Liebe betrifft, fehlte sie
mir nie, aus dem einfachen Grund, dass ich nie besonderen
Wert darauf gelegt habe, außerdem war ich ja seit Jahren
Tag und Nacht mit meinen quirligen Kindern beschäftigt
und auf mich alleine gestellt. Das änderte sich aber
schlagartig als ich IHN traf. Lava floss durch meine
Adern und bei jedem Gedanken an ihn - und sie waren nicht
selten - fühlte ich mich wie ein Streichholz, das man
gerade angezündet hatte und langsam dem Stiel entlang
ausbrannte. Vorbei war´s nun mit der Ruhe in dieser
Hinsicht. Dabei war er nicht einmal mein Typ: Er war
kleiner als ich, älter, gebunden. Aber er war wie ich:
Ein Hüpferich, ein rastloser und musikliebender Mensch,
dessen Herz im gleichen Rhythmus mit meinem zu schlagen
schien. Er war witzig und verstand auch meine Witze auf
der Stelle - viele lachen erst Minuten später, ich bin
halt eine Schnelle und fasse mich meistens kurz, treffend
und oft zweideutig. Diese Einsatzmöglichkeit der
deutschen Sprache fasziniert mich seit ich sie damals mit
15 Jahren lernte. Ich finde viele reden zu lange um den
heißen Brei herum und sagen dabei häufig genau nichts.
Sie nennen das übrigens Höflichkeit. Ich finde diese
kann man auch kürzer haben und die Körpersprache - die
jeder von uns hat - erledigt den Rest der guten
Kommunikation.
In der letzten Woche des Kurses, bat ich ihn mal um Hilfe
und er kam und setzte sich neben mir. Er gab mir Tipps
wie ich die Aufgabe lösen konnte und schaute mir immer
tiefer in die Augen. Sein Blick wanderte von einem Auge
zum anderen und immer wieder zum Mund. Dabei kam er mir
auch immer näher. Plötzlich sprang er auf und sagte,
dass er mal lieber gehen sollte. In der Pause bemerkte
ich, dass ich irgendetwas im Mundwinkel hatte, einen Rest
Pudding oder so. Ob es schon zum gegebenen Zeitpunkt da
war, kann ich nicht sagen.
Als der Kurs zu Ende war, war auch die Laune am Tiefpunkt
angelangt. Ich wechselte in den neuen Kurs und zu meiner
Überraschung, saß der Herr fast jeden Morgen vor
Unterrichtsbeginn in diesem Raum und arbeitete am
Computer. Auch traf ich ihn in jeder Pause auf der Treppe
und zum Feierabend. Wir redeten kaum miteinander, aber
die Blicke sagten viel mehr als Worte. Irgendwie war er
überall wo ich auch war. Er wartete jeden Tag im Gang,
da er wusste, dass ich mir einen Kakao hole. Und ich
enttäuschte ihn nicht und holte Kakao. Manchmal setzte
er sich auf einen Stuhl auf dem Flur und wartete. Wenn er
mich endlich sah, sprang er auf wie von der Tarantel
gestochen. Jedes Mal wenn er mich unverhofft traf, zuckte
er zusammen und wenn er auf der Treppe meine Stimme
hörte, blieb er einfach stehen und hörte zu. Einmal war
ich mit dem Auto da, an diesem Tag traf ich ihn gar nicht
- er wartete weder auf der Treppe, noch am Automaten. Ich
nehme an, da er mein Fahrrad nicht sah, dachte er ich
wäre nicht da.
Auch bei mir war die Freude immer groß wenn ich ihn
traf, aber ich hoffe, man sah es mir nicht an. Eines
Tages musste ich zu einer Beerdigung und blieb dem
Unterricht den ganzen Tag fern. Am nächsten Morgen, als
ich in den Unterrichtsraum kam, stand er da und
unterhielt sich mit meinem Dozenten. Da ich Musik über
die Kopfhörer hörte, bekam ich nicht ganz mit wer was
gesagt hat. Nur sahen mich plötzlich alle drei Männer
im Raum an, als ich die Musik aus schaltete. Als ich mich
nun wunderte was los sei, sagte mir mein Mitschüler,
dass ich vermisst wurde. Mein Liebling strahlte dabei wie
eine Sonne. Ich zeigte mich darüber erfreut und legte
meine Jacke ab.
Das Wetter wurde schöner und ich meinte ein Paar Schuhe
gebrauchen zu können. Naja... vier Paar wurden es,
allesamt so flach wie es nur ging. Ich hatte quasi bei
allen Schuhen keinen höheren Absatz als 0,5 cm. Meine
Mutter hatte Recht als sie mich fragte, ob ich plötzlich
Komplexe wegen meiner Größe hätte. Was wusste sie
schon? In der Tat, empfand ich mich zum ersten Mal in
meinem Leben, als zu groß. Meine Füße fühlten sich an
wie gestrandete Bananendampfer und meine Hände sahen aus
wie Baggerschaufeln. Mein Kopf hatte die Größe und
scheinbar auch den Inhalt einer riesigen Wassermelone.
Seine zwei Wochen Urlaub sollten für mich der blanke
Horror werden. Ich hatte schon von Kolleginnen gehört,
dass er demnächst Urlaub hat. Er teilte es mir aber auch
persönlich mit, indem er mich auf dem Flur abpasste und
gewürgt sagte "Hab Urlaub". In dem Unwissen
wie schwer es für mich werden sollte, sagte ich einfach
"Schön für Sie". Himmeldonnerwetter! Ich
hatte keinen Bock auf Unterricht, ich konnte mich kaum
konzentrieren und ich wurde krank. Mehr noch, Kolleginnen
sprachen mich nach ein paar Tagen an, ob ich
Trauerkleidung trüge. In der Tat zog ich mich unbewusst
nur und ganz in schwarz an, absolut untypisch für mich.
Ich zählte die Tage und dann, die Stunden, später die
Minuten. Eine Ewigkeit trennte uns, viel ewiger als die
blöden Wochenenden! Und zum Schluss hatte ich dieses
Gefühl der Unhaltbarkeit, das Kinder immer haben, wenn
sie wissen, dass der Weihnachtsmann jeden Moment
eitreffen könnte. Ich dachte mir, wenn du ihn siehst,
dann springst du ihm heulend in die Arme und drückst und
küsst ihn und kneifst ihm in den Hintern! Als ich sein
Auto sah, blieb mein Herz fast stehen! Ich hatte ja seine
Frau völlig vergessen! Mit ihr war er doch im Urlaub und
vielleicht hat er mich einfach vergessen. Nicht alle
Menschen haben so standhafte Gefühle wie ich. Ich
entschied mich dann doch lieber den Fahrstuhl zu nehmen
und ihm demnächst aus dem Weg zu gehen. Das gelang mir
auch in der ersten Pause, mittags ging ich einfach nicht
in die Kantine und in der dritten Pause stand er vor
meiner Tür und grüßte.
Öfters kam mich eine Kollegin aus seinem Kurs nach
Feierabend abholen. Einmal stiegen wir in ihr Auto ein
und fuhren los. Wir wollten ins Restaurant. Auf dem Weg,
sah sie im Rückspiegel, dass er uns nach fuhr und sagte
es mir. Wir nahmen beide an, dass er wohl denselben Weg
hat. Wir bogen in eine kleine Straße ein und suchten uns
einen Parkplatz, den wir erst in der nächten Straße
fanden. Wir stiegen aus und liefen zurück. In einer
Einfahrt saß er in seinem Wagen und wendete dann gleich.
Die Monate vergingen, alles lief wie gewohnt. Kurz vor
einer meiner Prüfungen versagten bei mir die Nerven. Ich
dachte mir: Nun wird seine Frau etwa im sechsten Monat
sein und das Kind dürfte sich schon bewegen. Es war
wahrscheinlich der beste Zeitpunkt um für Klarheit in
meinem Kopf zu sorgen. Wenn er nur halb der war für den
ich ihn hielt, dann würde er mir eine ordentliche
Kopfwäsche verpassen. Schon alleine aus Pflichtgefühl
gegenüber seiner Frau und dem ungeborenem Kind. Ich
sagte ihm, dass ich ihn gerne sprechen wolle, alleine. Am
nächsten Tag wartete er nach dem Unterricht in seinem
Raum.
-Mir ist vor ein paar Monaten Etwas ganz blödes
Passiert! Ich brauche eine Kopfwäsche, ich komme damit
nicht alleine klar...und ich brauche einen klaren Kopf
für meine Prüfungen!
-Kaufmännisch?
- Nein! Ich weiß nicht.. wie sagt man sowas...??? (nun
schaute ich ihm direkt und tief in die Augen) Ich habe
mich in Sie verknallt! Richtig schlimm...( er schaute
verlegen auf seine Füße und bohrte dabei mit der
rechten Schuhspitze ein unsichtbares Loch in den Boden)
Ich weiß nicht was ich damit machen soll, ich kann´s
nicht steuern.
-Was wollen wir nun machen? Zusammenziehen, mit 4-5
Kindern?
-Von sowas halte ich nicht viel! Es muss weg von mir,
mein Kopf muss wieder klar werden!
-Sie sind doch aber verheiratet...
-Ja eben und mir ist auch bewusst, dass jemand zuhause
auf Sie wartet. Ich kann mir solche Gefühle nicht
leisten, ich bin Mutter von zwei Kindern! Also, was sagen
Sie dazu?
-Ist denn alles in Ordnung zuhause?
-Ja! Alles wie immer!
- Was soll ich denn machen? Soll ich Sie die Treppe
runter stoßen, damit Sie denken "Dieses A..loch
kann ich nicht gebrauchen"?
-Nein, meine Beine brauche ich noch! Den besten Mann habe
ich zuhause! Was macht man denn da? Meine Erfahrung in
diesen Dingen ist sehr begrenzt.
-Aus dem Weg gehen, schöne Dinge mit Ihrem Mann
unternehmen, abhaken, sowas eben...(ich stand auf und zog
meinen Mantel an)
-Vielen Dank, ich hatte ihnen ja gesagt es dauert nur 5
Minuten. Sie... löschen das Gespräch aber jetzt
wieder... Sie verstehen...ich habe nie was gesagt!
Wir gingen und an der Treppe ließ ich ihn mit einem
schelmischen Blick vorgehen und sagte "Nicht, dass
Sie doch in Versuchung kommen..."
Ich stieg auf mein Fahrrad und war irgendwie wütend
über die sehr sanfte Ohrfeige die ich kassiert hatte und
hielt an der nächsten Sitzbank an, setzte mich und
rauchte eine Zigarette nach der anderen. Systemabsturz...
" Den besten Mann habe ich zuhause!" So ein
Blödsinn! "Alles in Ordnung zuhause...wie immer..."
Nichts ist in Ordnung... wie immer in den letzten acht
Jahren! Tausend Gedanken machte ich mir und alle führten
zum selben Ergebnis: Ich war gar nicht die treulose
Ehefrau für die ich mich die ganze Zeit über hielt, ich
war einfach unglücklich. Und das schon so lange, dass
ich es mittlerweile für normal hielt. Ich hielt aus
Gewohnheit an dieser einst wahnsinnig großen Liebe fest
und ganz unbewusst hatte ich mich neuorientiert, weil es
in der Natur des Menschen liegt Dinge zu ändern, die
einem nicht gut bekommen. Genau das war meine Ehe:
Unbekömmlich! An manchen Tagen konnte ich gar nicht so
viel essen wie ich kotzen wollte!
Am nächsten Tag stand meine Entscheidung fest. Ich
wollte die Scheidung. Ich brauchte nur noch die richtige
Gelegenheit um es meinem "besten" Mann
mitzuteilen. Nein, ich wollte das nicht, weil ich IHN
wollte, sondern weil ich keine Chance mehr für diese Ehe
sah. ER war sowieso nicht zu haben, ich würde niemals
einer schwangeren Frau den Mann weg nehmen und erst recht
nicht den Kindern ihren Vater. Das würde ich mir nie im
Leben verzeihen. Aus diesem Grund habe ich meine
Scheidung ihm gegenüber auch nie erwähnt.
Am selben Tag bot sich mir die Gelegenheit bei einer
Auseinandersetzung. Ich sagte meinem Mann klar, dass ich
ihn nicht mehr liebe und ich möchte, dass er geht. Als
Zeichen für meine Entschlossenheit, legte ich den
Ehering ab. Er tobte zwei Tage lang wie ein wildes Tier
und bekam am dritten Tag hohes Fieber. Lag vier Tage
heulend im Bett und raffte sich dann wieder auf.
Monatelange Funkstille folgte meinerseits, während er
sich bemühte mir zu zeigen, dass doch mehr von dem Mann
den ich geheiratet habe in ihm steckt, als in den letzten
Jahren zu sehen war. Was hätte ich ihm sagen sollen?
"Es ist hoffnungslos, der Platz in meinem Herzen ist
schon besetzt"? Wie ein Klo, auf dem schon Einer
draufsitzt! Es machte mich wahnsinnig, dass er sich nicht
um eine Wohnung bemühte. Andererseits trug sein
Verhalten sehr zur Verbesserung seiner Beziehung zu den
Kindern bei und die Kinder genossen es.
Am nächsten Morgen nach dem klärenden Gespräch,
glänzte mein Lieblingsdozent wie ein Honigkuchenpferd.
Die Sonne selbst vermochte nicht mehr zu strahlen als er,
in dem Moment, als er mich erblickte. Und meine
Wenigkeit...lief einfach an ihm vorbei und würgte ein
trockenes "Hallo" heraus. Mehr war eben nicht
drin und es war auch gut so. Er brauchte sich darauf
nichts einzubilden, ich will ihn nicht haben und er
braucht nichts von meinem Scheidungsentschluss zu wissen.
Er soll ruhig denken, dass ich ihn abgehackt habe, soll
sich auf seine Frau konzentrieren und mich in Ruhe
lassen!
Gleich zum Feierabend sollte ich verspüren, wie
schmerzhaft meine blöde "Ruhe" sein konnte!
Anstatt über einen kleinen Busch zu springen, wie immer,
um so nahe wie möglich an mir und meinem Fahrrad vorbei
zu laufen - lief er plötzlich durch ein großes
Gebüsch, um so weit wie möglich aber bemerkt zu seinem
Auto zu gelangen. Idiot! Das blieb auch so, bis das
Gebüsch zu wuchs, sobald das Wetter wärmer wurde. Alles
andere in seinem Verhalten bleib aber gleich, so wusste
ich, dass er versucht "mir aus dem Weg zu
gehen" wie wir es besprochen hatten.
Ich hasste das Gefühl der Ohnmacht, das er in mir
auslöste, wenn ich ihn sah. Es verschlug mir einfach die
Sprache. Und ich hasste diese Tage die uns einander nicht
näher brachten oder bringen konnten. Ich glaube aber,
dass es ihm genauso ging, denn er stolperte öfters
sobald er mich sah.
Die letzten drei Monate widmete ich mich dem
Wirtschaftsenglisch. In diesem Kurs traf ich eine ganz
besondere Frau. Sie funktioniert genau wie ich und ist
genauso alt wie ER. Sie war erstaunlicherweise 20 Jahre
lang mit einem ähnlichen Mann wie meiner verheiratet und
musste auch aufgeben. Wir verstanden uns auf Anhieb so
gut, dass ich sie bald in mein Geheimnis einweihte. Die
Geschichte beeindruckte sie sehr, aber als sie sah wie er
sich nach mir umguckt, kullerten ihr Tränen über die
Wangen. Von nun an hatte ich jemanden zum Reden und es
tat so gut. Außerdem bildete sie sich ihre eigene
Meinung über diese Geschichte, da sie ja unbeteiligt
war. Sie erklärte mir z.B. warum ich ihn nicht umarmen
konnte, wie die anderen Dozenten. Es lag auf der Hand,
ich konnte es nur nicht sehen: Mit den anderen ging ich
völlig unbefangen um, aber er übte eine so große
Anziehung auf mich aus, dass ich mich dieser Situation
aus reinem Selbstschutz nicht aussetzen wollte. Ferner
öffnete sie mir die Augen, mit den einfachsten Dingen
die es gibt, die ich aber vor lauter schlechtem Gewissen
nicht sah und bewegte mich dazu gegen Ende meiner Zeit
dort erneut auf ihn zuzugehen. "Warum machst du dir
so viele Gedanken über seine Frau? Du bist nicht für
den Erhalt seiner Beziehung zuständig! Was ist wenn er
auch unglücklich ist? Das ist mit hoher
Wahrscheinlichkeit der Fall, denn in eine intakte
Beziehung hat ein Dritter keinen Platz". Oh Gott!
Wie Recht sie doch hatte!
Sechs Wochen vor dem endgültigen Ende, kam seine Tochter
zur Welt und er blieb eine Woche zuhause. Natürlich
wurde ich wieder krank. Als er wieder kam, war ich der
festen Überzeugung, dass die Sache beendet war und mied
ihn wieder erfolglos. Ich wusste, ich musste ihm
gratulieren und ich hoffte dabei nicht einfach tot um zu
fallen. Ich kann mich so schlecht verstellen, ich bin
eben wie ich bin, deshalb verschob ich es immer wieder.
Bis er fordernd auf der Treppe wartete. Ich lief
natürlich grüßend vorbei. Aber als ich merkte, dass er
hinter mir hoch ging, gratulierte ich natürlich. Er
drehte dann zufrieden um und lief wieder runter.
Kurz vor meiner Prüfung schrieb ich ihm einen Brief. Der
Brief schrieb sich eigentlich von selbst, ich hielt nur
den Stift, weil er vom Herzen kam. Er lautete in etwa so:
"Berichtigung unsers Dezembergesprächs.
Deine Frage ob denn zuhause alles in Ordnung ist machte
mir bei längerem Nachdenken klar, dass ich schon viele
Jahre unglücklich bin. Es war mir nur nicht bewusst, ich
hatte mich einfach daran gewöhnt. Seit ich aber weiß,
dass es dich gibt, finde ich keine Ruhe mehr. Es stellen
sich mir in meinem Alltag viele Fragen auf die ich keine
Antworten finde. Warum
-bist du morgens mein erster Gedanke, abends der Letzte
und zwischendurch der Einzige?
-wache ich nachts auf und kann nicht wieder einschlafen
vor lauter Gedanken?
-fahre ich morgens mit Lichtgeschwindigkeit hierher aber
im Schneckentempo wieder nach Hause?
-kann ich keinen klaren Gedanken mehr fassen, wenn du vor
mir stehst?
-bin ich bloß beim Anblick deines Autos gut gelaunt?
-habe ich das Gefühl, dass es dir genauso geht?
Lass mich bitte nicht gehen ohne zu wissen ob ich einfach
nur bescheuert bin, oder es dir genauso geht. Weiter will
ich nichts."
Er enthielt keinen Annährungsversuch und kein Angebot.
Ich wollte es einfach nur wissen. Ich glaube viel mehr,
ich wollte nur wissen ob ich es noch wert bin, geliebt zu
werden und, dass ich nicht die einzige Bekloppte war, die
sich in diesem ewig drehenden Kreis ohne Ausweg verfangen
hatte.
Nach mehreren Tagen schaffte ich es ihm, mit zitternder
Hand den Brief zu geben. Er entfaltete ihn sofort und las
ihn vor mir. Damit hatte ich nicht gerechnet. Am Ende gab
er unverständliches Zeug von sich, in etwa
-nja, bescheuert... Hi.. Eees ist doch aber sinnlos, oder
.? (für wen ist es sinnlos und bin ich nun bescheuert
oder nicht?)
-Ich weiß, ich finde es aber nur fair, wenn man das
weiß! (ich nahm den Brief wieder an mich)
Damit ging ich und wartete auf eine Antwort. Und
wartete...und wartete...und wartete...bis mich am
nächsten Tag die Wut packte! Ist doch so! Wie lange
braucht er, Mensch, um mal ja oder nein zu sagen? Er
hat´s vielleicht schon vergessen, in dem Alter soll´s
ja vorkommen! Der nimmt mich doch auf den Arm! Was grinst
er mich denn so blöde an, wenn er mich sieht? Dieser
Brief hat mich eine Menge Kraft gekostet und der feine
Herr bequemt sich noch nicht einmal zu einer kurzen
Antwort! Na warte, Freundchen, das Grinsen wird dir schon
noch vergehen! Ich hätte zwei Kästchen aufmalen sollen,
eins mit JA und eins mit NEIN, zum ankreuzen.
Männerfreundlich! Ich hätte mir überhaupt den ganzen
Brief wergsparen sollen, die Kästchen hätten
gereicht...ja... und die Wut wurde immer größer...
Als ich ihn wieder traf und er mich anlächelte, sagte
ich schroff:
-Lachst du mich an oder aus?
-Wie bitte? (er konnte seinen Ohren nicht trauen)
-Lachst du mich an oder aus?
-Gar nichts, nur so...
-Keine Antwort ist auch eine Antwort! (sagte ich im rauen
Ton und ging einfach weiter)
Da ich aber nicht nur einen Engel auf der rechten
Schulter zu sitzen habe, sondern auch einen Teufel auf
der linken, reichte mir das natürlich nicht. Der kleine
Teufel war der festen Überzeugung, dass der Brief zu
viel Kraft und Überwindung gekostet hatte um jetzt ohne
klare Antwort da zu stehen. Also begab ich mich nach
Unterrichtsschluss und hatte eine sehr provozierende
Haltung. Ich setzte mich vor ihm, in der ersten Reihe,
haute leicht aber demonstrativ mit der Faust auf dem
Tisch und sagte:
-So! Jetzt will ich´s aber wissen und stehe hier nicht
eher auf bis ich das weiß!
-Was denn?
-Die Antwort auf meine Frage! in dem Brief!
-War da eine Frage drin? (ich schaute ihn voller
Missachtung an) Ja, so genau habe ich ihn nicht
gelesen...(ich dachte bloß: Schöne Zähne hast du, kann
ich ein paar haben? und ballte die Faust unter dem Tisch)
-Geht´s genauso oder nicht?
-Nein, ich ...will meine Ruhe haben...
-Die kriegen Sie auch, sobald Sie geantwortet haben!
-Nein, ich will meine Ruhe haben... Neulich meinte auch
eine Teilnehmerin, ich hätte mich in sie verliebt, weil
ich ihr so nett die Tür aufhalte...
-Ah...fahren Sie allen Teilnehmerinnen nach? Gehört hier
zum Service oder was?
-Ich fahre hier niemanden nach!..(jetzt wurde er etwas
lauter).
Das Geräusch der Lampe, die sich über seinem Kopf von
der Decke löste, war ohrenbetäubend. Sie schob ihn
durch den Boden und den Keller, durch die Erde und den
Mittelpunkt der Erde... bis es nicht mehr weiter ging! In
einem kleinen dunklen Ort, mit einem einzigen Bewohner
und einer riesigen Feuerstelle. Dieser war wegen seinen
schlechten Tischmanieren so einsam, da er alle Gäste auf
den Tisch bat. Sehr markant waren auch die roten Hörner!
Aber Ihm gelang die Flucht, in die Felder wo der Pfeffer
wuchs. Dort begegnete er dem Fuchs und dem Hasen beim
Abendtee. Und genau DORT könnte er meiner Meinung auch
bleiben! Dort passt er am besten hin!
Ich stand auf und ging erhobenen Hauptes, und zischte
einen "Schönen Feierabend". Später sollte ich
mich daran erinnern, dass ein Mann mitten im Gespräch in
den Raum kam, und auch dort blieb, hinten.
Die Wut die mich ergriff war unbeschreiblich. Da hatte
der mich doch ein Jahr lang des Spaßes wegen zum Narren
gehalten! Langeweile zuhause, oder was? Was bewegt einen
Mann dazu so etwas zu tun? Mit den Gefühlen anderer
Menschen zu spielen, ihr Leben zu ruinieren... Oder
wollte er nur "spielen"? Für diesen Fall hatte
ich im Zoohandel ein hübsches Halsband gesehen, es stand
drauf "Er tut nix, er will nur spielen"!
Ich fuhr einen kilometerlangen Umweg bevor ich nach Hause
fuhr. Es tat einfach zu sehr weh, so konnte ich nicht
nach Hause... In diesem Moment war er mir keinen
Pfifferling mehr wert. In den nächsten Tagen ging er mir
aus dem Weg oder ich bemerkte ihn einfach nicht. Meine
Kollegin sagte mir aber, dass er einmal hinter mir in der
Kantine stand. Davon weiß ich nichts.
Am letzten Tag hatten wir früher Feierabend. Ich ging
und verabschiedete mich herzlich von allen Dozenten nur
von ihm nicht. Als ich mit meiner Kollegin raus ging sah
ich, dass die Tür zu seinem Raum offen stand, das hieß,
die Teilnehmer waren schon weg. Ich unterhielt mich vor
dem Gebäude noch über zwei Stunden mit meiner Kollegin.
Später fiel mir ein, dass er die ganze Zeit in seinem
Raum alleine saß, denn sein Auto stand noch da als wir
gingen. Was hatte er die ganze Zeit gemacht? Hatte er
vielleicht gewartet, dass ich mich verabschieden komme?
Vielleicht, vielleicht aber auch nicht!
Die nächste Zeit war sehr schwer. Ich fühlte mich
ausgebrannt und fiel in ein tiefes Loch. Über Monate
hinweg klingelte oft, manchmal sogar zwei Mal am Tag, das
Telefon und der Anrufer meldete sich nicht. Ich hoffte
oder wusste, dass er es ist.
Die Prüfungsergebnisse kamen zwei Monate nach Kursende.
Die Urkunden musste ich persönlich abholen, was auch
eine Chance war ihn zu sehen. Ich verabredete mich mit
meiner Kollegin um die Ergebnisse abzuholen. Am besagten
Tag war ich äußerst nervös, meine Füße zitterten auf
den Pedalen und vor dem Gebäude würgte ich endgültig
den Motor ab. Ich parkte (miserabel) und hoffte, er sieht
mein Auto spätestens auf dem Weg zur Kantine. Ich wollte
ihm die Chance geben, mit mir Kontakt aufzunehmen. Es
führte aber nur dazu, dass er vorbereitet war und
grüßte als würde ich jeden Tag dort sitzen. Diese
Begrüßung belohnte ich mit einem äußerst kurzen
Nicken und durchs Weggucken. Im Augenwinkel sah ich aber,
dass er eine Weile einfach da stand und überlegte. Er
holte sich dann sein Essen und setzte sich so hin, dass
er mich im Blick hatte. Ich schaute nicht ein einziges
Mal rüber! Dementsprechend ging er dann auch, ohne sich
zu verabschieden. Meeehh und Muuhhh....
Jedes Mal, wenn ich dann noch dort war, etwa 2-3 Mal,
tauchte er auf und grüßte. Ich hatte den Eindruck, dass
dort viele Leute Bescheid wissen.
Mein Mann war nie ausgezogen. Etwa nach 8 Monaten
"Kratzepfötchen", ließ ich ihn
gezwungenermaßen wieder aktiv an meinem Leben Teil
haben. Ich erkannte, dass es unwichtig ist, ob ich
glücklich bin - wichtig ist nur das Glück meiner
Kinder. Und sie lieben ihn. Ich fing an rückwärts zu
zählen: Noch 13, 8 Jahre, dann bin ich frei! Ob sie mir
wohl später dafür danken oder mich einfach auslachen?!
Ich fing insgesamt auf drei Arbeitsstelle an und jedes
Mal war ich so unzufrieden, dass ich mich nach ein paar
Monaten verabschiedete. Obwohl die Arbeitgeber mit mir
sehr zufrieden waren, fand ich immer wieder Gründe die
es mir unmöglich machten zu bleiben. Den Grund dafür
erfuhr ich durch Zufall, als ich einen Film schaute. Ein
einziger Satz, der wahrscheinlich für alle anderen
Zuschauer völlig bedeutungslos war, zeigte mir warum ich
überall unzufrieden war. Ich suchte immer nur ihn... und
er war nirgendwo... Ich konnte mich von ihm nicht lösen,
ich trug ihn immer tief in mir drin... ich fühlte mich
nur dort wohl wo er auch war, wo ich glücklich und damit
auch ZUHAUSE war!
Durch die Arbeit bekam ich es leider nicht mehr so mit,
wenn das Telefon zuhause klingelte. Irgendwann hat es
aber aufgehört und das Handy meines Mannes fing an zu
klingeln. Es war die einzige Nummer, die ich für
dringende Fälle auf meinem Anrufbeantworter gesprochen
hatte. Es nervte ihn so wahnsinnig, dass er gar nicht
mehr ran ging, wenn die AnruferID ausgeschaltet war.
Manchmal ging ich aber ran, und niemand meldete sich. Bis
mir eines Tages der Anrufer sagte "Bin ein
Vollidiot". Ich erkannte die Stimme und war 3
Sekunden lang überglücklich. Aber mein Mann hatte
"Vollidiot" mitbekommen und wurde wütend. Es
reichte ihm jetzt mit den Anrufen und wollte einen
Nachverfolgungsauftrag bei seinem Betreiber aufgeben. Die
folgende Woche klingelte das Handy jeden Tag und dann
wusste ich, dass ich es IHM irgendwie sagen muss. Ohne
eventuell seine Beziehung auf Spiel zu setzten. Mit einem
geheimen Emailkonto nahm ich über Email Kontakt zu ihm
auf. Ich schrieb nur "Vollidiot - seit wann so
streng zu sich selbst? Die Nummer gehört mir
nicht". Er hatte verstanden, denn seit diesem Tag
klingelte es nicht mehr. Wie es mir ging?... Ich war am
Ende... Wenn ich bis jetzt bloß zu 90% sicher war, dass
er es ist - so wusste ich es nun zu 100%. Er hat mich die
ganze Zeit gesucht, aber warum hat er nie was gesagt?
Würde er denn was sagen, wenn ich vor ihm stünde?
Das Telefon klingelte nie wieder, weder auf Festnetz,
noch auf dem Handy. Dabei hatte ich die Ansage des
Anrufbeantworters so schön geändert. Ich hatte auch
meine Handynummer drauf gesprochen.
Ich entschied mich zu ihm zu gehen. Als ich eines Tages
meinen Roller aus der Werkstatt abholte und der
Mechaniker mir sagte, ich soll noch herumfahren um die
Batterie aufzuladen, wusste ich: Der Tag war perfekt!
Ich fuhr also diese kleinen Straßen hoch und runter und
hielt Ausschau nach ihm. Noch bevor ich einen Drehwurm
kriegte, sah ich ihn... Er sah so anders aus... so dünn
und alt und verschrumpelt. Ich hatte irgendwie das
Gefühl, das man hat, wenn man eine Rosine anschaut - in
dem Bewusstsein, dass sie einmal eine schöne Weintraube
war. Er sagte nur "Hallo" und fragte
Belangloses... dann verabschiedete er sich relativ
schnell und ging. Da wurde es mir klar, dass er niemals
etwas sagen würde... Aus dem einfachen Grund, dass...
ein Mann, im Falle einer Trennung, nicht nur die Frau
verliert - sondern auch die Kinder! Ob er wohl auch
rückwärts zählt?
Den folgenden Brief ließ ich ihm über Facebook per
Email zukommen, um mich endlich von dieser Geschichte
losreißen zu können.
Hi!
Ich finde du hast jetzt lange genug nicht angerufen. Ich
habe schon gewartet. Solange du immer angerufen hast, hat
es zwar einige Leute genervt aber ich wusste wenigstens,
dass du an mich denkst.
Wenn du nun bereit bist mit mir zu reden, dann schreibe
mir einfach hier kurz. Auch bin ich heute von 10:00 bis
15:30 auf Festnetz zu erreichen, die Nummer hast du ja.
Ich würde mich sehr freuen deine Stimme ganz
unverbindlich zu hören.
Wenn du heute nicht anrufst, dann tue es bitte nie wieder
- ich möchte gerne damit abschließen. Seit nun fast
zwei Jahren finde ich keine Ruhe mehr - große Leistung
für einen Mann den ich nie angefasst habe. Nie lernte
ich einen Mann kennen der so perfekt zu passen schien,
der so tickte wie ich selbst. Super Kunststück! Und wer
träumt denn nicht von einer Partnerschaft ohne
Reibereien, wo alles wie von selbst funktioniert. Es
reicht mir aber auch mit der Gefühlsduselei! Ich habe
keine Zeit und keine Nerven mehr dafür... Also melde
dich und sag auch etwas oder lass es eben ganz sein. Fakt
ist: Ich würde so wahnsinnig gerne mehr über dich
wissen........länger in deine Augen schauen...........
Du hättest mich eben doch die Treppe runter stoßen
sollen, dann wäre das Problem erledigt! HI! HA!
Lach mal wieder, du sahst neulich etwas mitgenommen
aus... habe mich aber irrsinnig gefreut dich zu sehen, du
musst ja immer flüchten - sowas nennt sich erwachsen!
Verstehe ich nicht, mache ich dir Angst? Ich bin zwar ein
Löwe, beiße und kratze aber nicht! Was hast du schon zu
verlieren, ich zwinge dich doch zu nichts! Ich will nur
wissen wie du wirklich bist.
Schaue dir bitte mein Profil an, ich werde es demnächst
löschen.
Solltest du nicht der sein, den ich suche, so bitte ich
dich um eine kurze Mail. Damit ich weiß, dass ich weiter
suchen muss.
Gruß"
Er hat nie geantwortet.
Einerseits macht mich das sehr traurig, andererseits ist
es ganz gut so. Ich bin ein Einzelkind - ich habe nie
gelernt zu teilen! Erst Recht nicht den Mann! Abgesehen
davon, kriege ich den Platz an meiner Seite so schnell
auch nicht leer!
Im Laufe der Jahre, habe ich gedacht, dass ich
abgestumpft bin. Durch ihn habe ich erfahren, dass ich
sehr wohl noch fähig bin zu lieben. Sogar feuriger als
mir lieb ist! Dafür bin ich ihm irgendwie dankbar. Nur
zu gerne würde ich ihm aber auch das hübsche Halsband
aus dem Zoogeschäft schenken!
Tja.. Wir Menschen meinen immer das Leben zu leben, das
wir uns aussuchen und alles darin nach unserem Belieben
beeinflussen zu können. Ich bin der Meinung, dass wir in
Wirklichkeit nur Schauspieler sind, die sich strengstens
ans Drehbuch halten müssen. Das Drehbuch schreiben
andere! Die Menschen um uns herum, das Meiste übernehmen
aber diejenigen die wir am meisten lieben. Ohne es zu
wollen, sind sie erbarmungslos. Unsere Lieblinge können
unsere Entscheidungen und unser Tun steuern, aber sie
können uns nicht daran hindern, hoffnungslose Träume in
unserem Herzen zu hüten und hin und wieder mal in ihnen
zu versinken...
Noch 13,2 Jahre...
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