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Liebesgeschichten

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von *Orakel-im-Web / Orakelfreunde* - Besuchern
Nora / Februar 2010

Froschkönig

Es war wieder einmal ein wunderschöner Sommer. Eigentlich wollte ich in die Hauptstadt fliegen, aber durch einen Anruf aus meiner alten Heimatstadt, wo ich zum Geburtstag eingeladen wurde, zog es mich plötzlich dorthin. Irgendeine unsichtbare Kraft wurde freigesetzt und ich konnte nicht anders, als dorthin zu fahren. Als ich in dieser Stadt ankam, war ich irgendwie gereizt und etwas unruhig. Mein Verhalten war nicht mehr -für mein ruhiges Wesen - normal. Da meine Bekannten eine kleine Gaststätte betreiben gibt es immer viel zu tun. Ich stellte ein wenig meine Arbeitskraft zur Verfügung und säuberte die Deckenlüftung. Ich stand natürlich auf einem Tisch, mit einem Lappen in der Hand. Der Mann meiner Bekannten gab mir immer wieder einen sauberen Lappen, den er vorher ausgespült hatte. Als ich so richtig in Aktion war, kam auf einmal ein Mann in die Gaststätte, obwohl diese noch nicht geöffnet hatte. Natürlich war er mit dem Hausherren bekannt und er hat diesen Mann auch gleich zu seinem Geburtstag eingeladen.
Als die Feierlichkeiten seinen Höhepunkt erreichten, hat dieses besagte männliche Wesen mir 2 x hintereinander einen kleinen flüchtigen Kuß auf den Mund gegeben. Aber hallo, dachte ich und so war für mich der Froschkönig geboren. Die nächsten drei Tage, die ich noch in dieser Stadt verbrachte, hat er mir immer hinterhergestellt, wollte mich einladen, aber ich habe mich immer verdrückt, bzw.auch eine Fahradtour gemacht, um nicht mit diesen Mann zusammen zu treffen. Ich bin richtig geflüchtet.
Dann kam der Freitag und es interessierte mich doch, aber an diesem Tag kam er nicht. Samstag war der Tag der Abreise, da merkte ich, dass ich etwas verpasst habe, bzw. für mich wertvolles durch meine Abwesenheit zertrampelt habe. Als ich dann wieder zu Hause war, kamen bei mir Telefonate an, indem mir durch meine Bekannte mitgeteilt wurde, dieser Mann sei total vernarrt in mich. Es kam dann zu einem ganz tollen Briefwechsel und er besuchte mich in meiner neuen Heimatstadt, nach einem halben Jahr. Jetzt sind wir 21 Monate zusammen und schreiben und besuchen uns immer noch.

Ob aus dem Froschkönig ein PRINZ wird kann ich noch nicht sagen, oder entwickelt er sich zur KRÖTE. Wenn es ein Happy End gibt, werde ich es noch berichten.
Eines kann ich nur sagen die Chemie stimmt (Krebs und Fisch).

Elle Lieb / April 2010

Liebe in der Luft
Hey Sie! Wie geht es dir denn?

Nach sieben Jahren Erziehungszeit entschloss ich mich den Weg zurück in den Beruf einzuschlagen. Unsinnige Idee - ich gab relativ schnell auf. Wer würde schon eine zweifache Mutter, die so lange Kinder gehütet hat einstellen. Meine Ausbildung war trotz der guten Ergebnisse einfach zu lange her. Was Neues musste passieren!
So entschloss ich mich, mich der Finanzbuchhaltung und dem Personalrecht zu widmen. Innerhalb weniger Tage hatte ich voller Elan ein Kursangebot zusammengestellt, das mich wieder in die Arbeit bringen sollte. Für mich als zweifache Mutter und Ehefrau der Hammer: Ein Jahr lang, ohne Urlaub, 5 Tage in der Woche je 8 Stunden Unterricht. Zwischendurch und am Ende Prüfungen - dann eine ganz neue Berufsbezeichnung. Ich wusste es wird hart - aber ich schaffe meistens alles was ich mir in den Kopf setze. Die wirkliche Härte ahnte ich nicht ein Mal in meinen schlimmsten Alpträumen.

Der erste Kurs hatte schon zwei Tage zuvor angefangen, ich platzte also mitten in den Unterricht und setzte mich auf einen leeren Platz. Ein Angestellter stellte mich dem Dozenten vor und ging. Der Dozent war ein sympathischer Mann, klein, aber er gefiel mir, weil er die gleichen grau gestreiften Anzüge trug, wie mein Vater sie gerne trug. Und ich vermisse Papa so sehr - dachte ich. Ebenfalls setzte der Dozent sofort ein breites Lächeln auf als er mich sah und reichte mir das Blatt, das er in der Hand hielt. Ich fühlte mich als hätte ich schon immer diesen Platz belegt, als hätte ich schon immer in seine azurblauen Augen geschaut. Alles so vertraut...Er war sehr humorvoll und er lachte herzlich über meine Witze, als hätten wir uns schon immer gekannt. Seit dem stand und lief er irgendwie immer hinter mir - es sollte ein Jahr lang anhalten. In den Pausen wartete er bis ich raus ging und lief hinter mir, zum Feierabend wartete er in seinem Auto bis ich raus kam oder meine Zigarette aufgeraucht hatte und fuhr dann winkend an mir vorbei. Seine Blicke gingen mir durch und durch, ich hatte das Gefühl, dass er mit seinem Blick an meinem Hinterkopf kratzt.

Meinen Lebtag habe ich nicht so geschwitzt! Siebzehn Kilo habe ich in seinem Kurs weggeschwitzt, ich dachte aber es ist das Fahrradfahren und das Treppensteigen.

Er machte kein Geheimnis daraus, wie begeistert er über mein Auftreten, meinen schnellen Verstand, meinen Humor und eben meine ganze Art war. Wie die Tage vergingen, so wurde sein Verhalten immer eindeutiger. Seine Augen glitzerten wie Saphire, feurig wie Karfunkelsteine, Leidenschaft spiegelte sich darin. Er hatte meistens einen Frosch im Hals, wenn ich mit ihm sprach und er hielt seine Hose fest, wenn ich ihn länger ansah. Er wollte auch, dass ich ihn ansah, er zuppelte solange am Unterrichtsmaterial und ließ nicht los bis ich ihn ansah, dann lächelte er breit und verteilte weiter.

Ich dachte mir: Dieses Ferkel sucht sich bestimmt in jedem Kurs einen Liebling aus, so macht das ewige Herumkauen auf demselben Stoff wenigstens doch ein wenig Spaß.

Er war immer mit dem einverstanden was ich von mir gab, er mischte sich immer in meine Gespräche ein (ich saß in der ersten Reihe) und er machte eindeutige Bemerkungen. Z.B. sagte meine Kollegin mal, ihr würde eine Frau die sie getroffen hatte nicht aus dem Kopf gehen, da schaute er prompt zu mir und sagte, ihm ginge auch eine Frau nicht aus dem Kopf. Auch hörte er Musik aus meinem Heimatland. Überhaupt zeigte er sich mit Namen und Geschichte aus meinem Heimatland bekannt.

Einmal, als die anderen hochkonzentriert arbeiteten und ich schon fertig war, sagte er leise über dem Bildschirm "Che Bella!". Es kam mir so laut vor und es war mir so peinlich, dass mir nichts weiter einfiel als "Sie bellen?" er erwiderte leise "Libellen, jaaa". Ich nun wieder schlagfertig wie ich bin "Libellen hat mancher zuhause!". Er lächelte peinlich berührt.

Eines Tages musste ich es austesten. Als er mir mal wieder zuzwinkerte, zwinkerte ich einfach zurück. Ich dachte mir: Wenn er Übung darin hat, dann dürfte er sich nicht verlieren. Er drehte sich sofort zur Tafel um und rechnete einen groooßen Unsinn zusammen. Schließlich wunderte er sich selbst darüber. Also dachte ich mir, ich muss da auf jeden Fall für Klarheit sorgen, ihm sagen, dass ich nicht zu haben bin. Was denkt er sich eigentlich? Ich bin schon mein halbes Leben mit meinem Mann zusammen, dann kommt da so ein... Karfunkelauge und schon ist alles vorbei??? Neee Neee...

Nachdem ich meinen Mann traf, damals mit 16 Jahren, sah ich nie wieder einen Mann. Ich sah immer nur die Menschen. Ich entwickelte eine Art Immunität gegenüber dem anderen Geschlechts, dies ermöglichte es mir sowohl mit Frauen, wie auch mit Männern völlig unbefangen und ohne Hintergedanken umzugehen. Beide Geschlechter wussten diese Unbefangenheit sehr zu schätzen und mir ging es sehr gut damit.

Das Ganze ging mir sehr nah, ich wurde ihn einfach aus dem Kopf nicht los! Nachts, in meinen Träumen saß er auf meiner Bettkante und erzählte mir Fachliches.

Ich musste etwas machen, wollte ihn aber auch nicht verärgern. Ich nahm mir vor, ihn einfach zu fragen was nun los ist. Ich legte mir einige schlaue und einfühlsame Gedanken auf Wiedervorlage für ein Gespräch mit ihm. Tagelang trug ich diese im Hals mit mir herum und traute mich nicht. Und dann lief er an mir vorbei und lächelte und ich sagte im Befehlston:
-Nun warten Sie doch mal! Haben Sie mir vielleicht was zu sagen? (OH Gott wo ist meine Wiedervorlage, wo bloß? Hilfe.. es ist schwerer als ich dachte! Schon kam von ihm die Trotzreaktion)
-Nnnnein, was meinen Sie damit?
-Ich hatte den Eindruck, dass Sie mich bevorzugen...und das wäre nicht in Ordnung
-Neeein, für mich sind alle gleich. Wollen wir uns im Auto weiter unterhalten?
-Nein! Wenn alle gleich sind, dann ist alles in bester Ordnung und es gibt ja nichts zu bereden!

Da hatte meine berühmte "Art" ja ganze Arbeit geleistet. Ich war entsetzt, auch darüber, dass es richtig weh tat. Als ich auf mein Fahrrad sprang und losfuhr, schlotterten meine Knie und meine Hände zitterten unkontrolliert, ich frage mich jetzt noch wie ich bloß von der Stelle kam. Ein Wirrwarr von Gedanken und Erkenntnissen wirbelte geschwind in meinem Kopf herum. Was war passiert? Warum brachte es mich so durcheinander? Er war derjenige der verwirrt sein sollte, nicht ich? Ohhh...ich ahnte Böses...Offensichtlich war ich -verheiratete Frau und Mutter - auf dem besten Weg mich in einen vergebenen Mann und Vater zu verlieben. Große Angst überkam mich und änderte meine Denkrichtung: Von nun an sollte ich mein Bestes versuchen um die Aufmerksamkeit meines Mannes wieder zu gewinnen. Ich glaubte, ich hatte vergessen Ehefrau zu sein als ich Mutter wurde. Genau da wollte ich das Problem anpacken, an der Wurzel. Ich wurde also ab sofort beste und liebevollste Frau der Welt und führte gleichzeitig einen unsichtbaren Kampf gegen meinen eigenen Kopf. Ganz nebenbei lernte ich 8 Stunden am Tag.

Die nächsten zwei Tage näherte er sich mir kaum und er schaute mich nur an, wenn er dachte, dass ich es nicht bemerke.
Am zweiten Tag brauchte ich seine Hilfe und sagte "Herr..., ich habe hier was gerechnet und ich wüsste gerne WAS!" Plötzlich waren da wieder das breite Lächeln und die funkelnden Augen. Danach ging alles wie gehabt weiter. Später sollte ich feststellen, dass er seit dem erheblich abgenommen hatte. Der pralle wackelnde Po vor der Tafel war innerhalb 2-3 Wochen fast weg. Verdammt, den hätte ich nur zu gerne einmal gekniffen!

Die Nummer mit der besten Frau und so, wurde zuhause leider nicht so angenommen wie ich es erhofft hatte... Aber .... er hatte offenbar dieselbe Idee... denselben Plan... und er ging auch auf... Ebenfalls wurde seine Frau dabei schwanger und er wurde launisch und starrte oft Löcher in die Luft. Für mich war das wie ein Schlag ins Gesicht, ich konnte es nicht glauben, hab´s anfangs verdrängt. Als er es - nicht sehr begeistert - ganz nebenbei in den Raum stellte, gratulierten ihm alle. Für mich stand für einen Moment alles still, ja... selbst mein Herz. Ich musste ihn mir aus dem Kopf schlagen, das stand fest! Zu diesem Zweck ging ich sofort auf die Toilette, machte die Tür hinter mir zu, und lehnte mich mit der Stirn an die Fliesen. Ich hatte einfach keine Luft mehr, mein Hals war wie zugeschnürt, verdammt heiß war es auch ganz plötzlich geworden. Ich fühlte wie meine Knie versagen und ich langsam aber sicher die Wand hinunter gleite, also drückte ich auch meinen Brustkorb gegen die Wand. Die Fliesen - die ich sonst nie freiwillig angefasst hätte - waren kühl und wohltuend. Ich klopfte langsam und rhythmisch mit dem Kopf auf die Fliesen. Nun ja, ich sehe selten so bescheuert aus, zu was anderem war ich leider nicht im Stande. Nicht in diesem Moment. Nicht nach einer solchen Nachricht! Ehrlich gesagt wusste ich überhaupt nicht was gerade mit mir geschah, musste ich Klein? Musste ich Groß? Musste ich mich übergeben? Vielleicht musste ich auch einfach einen Schluck Wasser trinken? Aber vor allem wusste ich nicht warum? Warum konnte ich mich nicht für ihn freuen, ihn für seinen Mut in dem Alter (47) noch ein Kind zu bekommen loben oder beglückwünschen - was man da auch immer macht! Ich wollte nichts von ihm, das stand fest! Er sollte nun auch nichts mehr von mir wollen, stand auch fest! Dann sollten sich doch die Probleme von selbst gelöst haben, oder? Wunderbar... Aber in diesem "oder" steckt mehr drin als man denkt, bzw. wer denkt schon noch, wenn er verliebt ist? Gefühle sind etwas Irrationales, etwas, das wir wohl nie ganz verstehen und noch weniger beeinflussen können.

Für ein paar Tage schien alles ganz normal. Nachdem der erste Schock verging, wurde er aber wieder wie am Anfang. Der Kurs sollte bald zu Ende gehen und das war das Einzige was ihm zu schaffen machte, mir ebenfalls. Ich weiß aus Erfahrung, dass Männer keine Beziehung zu einem Kind aufbauen können, wenn sie es noch nicht sehen und anfassen können. Mein Plan war nun: Durchhalten bis sich das Kind bewegt, dann wird er schon aufhören. Hauptsache ich lasse mir nichts zu schulden kommen. Aber, was sollte ich machen? Mit meinem Kopf und der ganzen unkontrollierbaren Gefühlsduselei?

Es war aber auch irgendwie schön wieder wahrgenommen zu werden. Mein Mann war nicht sehr begeistert darüber, dass ich mit den Kindern mein Gewicht fast verdoppelt hatte... Das ließ er mich auch spüren. Sein Außenbild war ruiniert, ich hatte die bildschöne Frau an seiner Seite durch eine Tonne ersetzt! Und ich kam durch seine Ablehnung in ein Teufelskreis: Je mehr er mich ablehnte, desto mehr nahm ich zu und je mehr ich zunahm, desto mehr lehnte er mich ab. Zum Schluss ernährte ich mich fast nur noch von Schokolade und füllte so die Leere in mir drin, denn ich musste für meine Kinder stark sein, durfte mir kein bisschen Unglück anmerken lassen. Ich fand das beste Ventil der Welt, das niemanden störte: Musik. Immer, überall und so laut es ging. Sie erhielt mir die gute Laune und gab mir die Kraft für meinen Alltag. Was die körperliche Liebe betrifft, fehlte sie mir nie, aus dem einfachen Grund, dass ich nie besonderen Wert darauf gelegt habe, außerdem war ich ja seit Jahren Tag und Nacht mit meinen quirligen Kindern beschäftigt und auf mich alleine gestellt. Das änderte sich aber schlagartig als ich IHN traf. Lava floss durch meine Adern und bei jedem Gedanken an ihn - und sie waren nicht selten - fühlte ich mich wie ein Streichholz, das man gerade angezündet hatte und langsam dem Stiel entlang ausbrannte. Vorbei war´s nun mit der Ruhe in dieser Hinsicht. Dabei war er nicht einmal mein Typ: Er war kleiner als ich, älter, gebunden. Aber er war wie ich: Ein Hüpferich, ein rastloser und musikliebender Mensch, dessen Herz im gleichen Rhythmus mit meinem zu schlagen schien. Er war witzig und verstand auch meine Witze auf der Stelle - viele lachen erst Minuten später, ich bin halt eine Schnelle und fasse mich meistens kurz, treffend und oft zweideutig. Diese Einsatzmöglichkeit der deutschen Sprache fasziniert mich seit ich sie damals mit 15 Jahren lernte. Ich finde viele reden zu lange um den heißen Brei herum und sagen dabei häufig genau nichts. Sie nennen das übrigens Höflichkeit. Ich finde diese kann man auch kürzer haben und die Körpersprache - die jeder von uns hat - erledigt den Rest der guten Kommunikation.

In der letzten Woche des Kurses, bat ich ihn mal um Hilfe und er kam und setzte sich neben mir. Er gab mir Tipps wie ich die Aufgabe lösen konnte und schaute mir immer tiefer in die Augen. Sein Blick wanderte von einem Auge zum anderen und immer wieder zum Mund. Dabei kam er mir auch immer näher. Plötzlich sprang er auf und sagte, dass er mal lieber gehen sollte. In der Pause bemerkte ich, dass ich irgendetwas im Mundwinkel hatte, einen Rest Pudding oder so. Ob es schon zum gegebenen Zeitpunkt da war, kann ich nicht sagen.

Als der Kurs zu Ende war, war auch die Laune am Tiefpunkt angelangt. Ich wechselte in den neuen Kurs und zu meiner Überraschung, saß der Herr fast jeden Morgen vor Unterrichtsbeginn in diesem Raum und arbeitete am Computer. Auch traf ich ihn in jeder Pause auf der Treppe und zum Feierabend. Wir redeten kaum miteinander, aber die Blicke sagten viel mehr als Worte. Irgendwie war er überall wo ich auch war. Er wartete jeden Tag im Gang, da er wusste, dass ich mir einen Kakao hole. Und ich enttäuschte ihn nicht und holte Kakao. Manchmal setzte er sich auf einen Stuhl auf dem Flur und wartete. Wenn er mich endlich sah, sprang er auf wie von der Tarantel gestochen. Jedes Mal wenn er mich unverhofft traf, zuckte er zusammen und wenn er auf der Treppe meine Stimme hörte, blieb er einfach stehen und hörte zu. Einmal war ich mit dem Auto da, an diesem Tag traf ich ihn gar nicht - er wartete weder auf der Treppe, noch am Automaten. Ich nehme an, da er mein Fahrrad nicht sah, dachte er ich wäre nicht da.

Auch bei mir war die Freude immer groß wenn ich ihn traf, aber ich hoffe, man sah es mir nicht an. Eines Tages musste ich zu einer Beerdigung und blieb dem Unterricht den ganzen Tag fern. Am nächsten Morgen, als ich in den Unterrichtsraum kam, stand er da und unterhielt sich mit meinem Dozenten. Da ich Musik über die Kopfhörer hörte, bekam ich nicht ganz mit wer was gesagt hat. Nur sahen mich plötzlich alle drei Männer im Raum an, als ich die Musik aus schaltete. Als ich mich nun wunderte was los sei, sagte mir mein Mitschüler, dass ich vermisst wurde. Mein Liebling strahlte dabei wie eine Sonne. Ich zeigte mich darüber erfreut und legte meine Jacke ab.

Das Wetter wurde schöner und ich meinte ein Paar Schuhe gebrauchen zu können. Naja... vier Paar wurden es, allesamt so flach wie es nur ging. Ich hatte quasi bei allen Schuhen keinen höheren Absatz als 0,5 cm. Meine Mutter hatte Recht als sie mich fragte, ob ich plötzlich Komplexe wegen meiner Größe hätte. Was wusste sie schon? In der Tat, empfand ich mich zum ersten Mal in meinem Leben, als zu groß. Meine Füße fühlten sich an wie gestrandete Bananendampfer und meine Hände sahen aus wie Baggerschaufeln. Mein Kopf hatte die Größe und scheinbar auch den Inhalt einer riesigen Wassermelone.

Seine zwei Wochen Urlaub sollten für mich der blanke Horror werden. Ich hatte schon von Kolleginnen gehört, dass er demnächst Urlaub hat. Er teilte es mir aber auch persönlich mit, indem er mich auf dem Flur abpasste und gewürgt sagte "Hab Urlaub". In dem Unwissen wie schwer es für mich werden sollte, sagte ich einfach "Schön für Sie". Himmeldonnerwetter! Ich hatte keinen Bock auf Unterricht, ich konnte mich kaum konzentrieren und ich wurde krank. Mehr noch, Kolleginnen sprachen mich nach ein paar Tagen an, ob ich Trauerkleidung trüge. In der Tat zog ich mich unbewusst nur und ganz in schwarz an, absolut untypisch für mich. Ich zählte die Tage und dann, die Stunden, später die Minuten. Eine Ewigkeit trennte uns, viel ewiger als die blöden Wochenenden! Und zum Schluss hatte ich dieses Gefühl der Unhaltbarkeit, das Kinder immer haben, wenn sie wissen, dass der Weihnachtsmann jeden Moment eitreffen könnte. Ich dachte mir, wenn du ihn siehst, dann springst du ihm heulend in die Arme und drückst und küsst ihn und kneifst ihm in den Hintern! Als ich sein Auto sah, blieb mein Herz fast stehen! Ich hatte ja seine Frau völlig vergessen! Mit ihr war er doch im Urlaub und vielleicht hat er mich einfach vergessen. Nicht alle Menschen haben so standhafte Gefühle wie ich. Ich entschied mich dann doch lieber den Fahrstuhl zu nehmen und ihm demnächst aus dem Weg zu gehen. Das gelang mir auch in der ersten Pause, mittags ging ich einfach nicht in die Kantine und in der dritten Pause stand er vor meiner Tür und grüßte.

Öfters kam mich eine Kollegin aus seinem Kurs nach Feierabend abholen. Einmal stiegen wir in ihr Auto ein und fuhren los. Wir wollten ins Restaurant. Auf dem Weg, sah sie im Rückspiegel, dass er uns nach fuhr und sagte es mir. Wir nahmen beide an, dass er wohl denselben Weg hat. Wir bogen in eine kleine Straße ein und suchten uns einen Parkplatz, den wir erst in der nächten Straße fanden. Wir stiegen aus und liefen zurück. In einer Einfahrt saß er in seinem Wagen und wendete dann gleich.

Die Monate vergingen, alles lief wie gewohnt. Kurz vor einer meiner Prüfungen versagten bei mir die Nerven. Ich dachte mir: Nun wird seine Frau etwa im sechsten Monat sein und das Kind dürfte sich schon bewegen. Es war wahrscheinlich der beste Zeitpunkt um für Klarheit in meinem Kopf zu sorgen. Wenn er nur halb der war für den ich ihn hielt, dann würde er mir eine ordentliche Kopfwäsche verpassen. Schon alleine aus Pflichtgefühl gegenüber seiner Frau und dem ungeborenem Kind. Ich sagte ihm, dass ich ihn gerne sprechen wolle, alleine. Am nächsten Tag wartete er nach dem Unterricht in seinem Raum.

-Mir ist vor ein paar Monaten Etwas ganz blödes Passiert! Ich brauche eine Kopfwäsche, ich komme damit nicht alleine klar...und ich brauche einen klaren Kopf für meine Prüfungen!

-Kaufmännisch?

- Nein! Ich weiß nicht.. wie sagt man sowas...??? (nun schaute ich ihm direkt und tief in die Augen) Ich habe mich in Sie verknallt! Richtig schlimm...( er schaute verlegen auf seine Füße und bohrte dabei mit der rechten Schuhspitze ein unsichtbares Loch in den Boden) Ich weiß nicht was ich damit machen soll, ich kann´s nicht steuern.

-Was wollen wir nun machen? Zusammenziehen, mit 4-5 Kindern?

-Von sowas halte ich nicht viel! Es muss weg von mir, mein Kopf muss wieder klar werden!

-Sie sind doch aber verheiratet...

-Ja eben und mir ist auch bewusst, dass jemand zuhause auf Sie wartet. Ich kann mir solche Gefühle nicht leisten, ich bin Mutter von zwei Kindern! Also, was sagen Sie dazu?

-Ist denn alles in Ordnung zuhause?

-Ja! Alles wie immer!

- Was soll ich denn machen? Soll ich Sie die Treppe runter stoßen, damit Sie denken "Dieses A..loch kann ich nicht gebrauchen"?

-Nein, meine Beine brauche ich noch! Den besten Mann habe ich zuhause! Was macht man denn da? Meine Erfahrung in diesen Dingen ist sehr begrenzt.

-Aus dem Weg gehen, schöne Dinge mit Ihrem Mann unternehmen, abhaken, sowas eben...(ich stand auf und zog meinen Mantel an)

-Vielen Dank, ich hatte ihnen ja gesagt es dauert nur 5 Minuten. Sie... löschen das Gespräch aber jetzt wieder... Sie verstehen...ich habe nie was gesagt!

Wir gingen und an der Treppe ließ ich ihn mit einem schelmischen Blick vorgehen und sagte "Nicht, dass Sie doch in Versuchung kommen..."

Ich stieg auf mein Fahrrad und war irgendwie wütend über die sehr sanfte Ohrfeige die ich kassiert hatte und hielt an der nächsten Sitzbank an, setzte mich und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Systemabsturz... " Den besten Mann habe ich zuhause!" So ein Blödsinn! "Alles in Ordnung zuhause...wie immer..." Nichts ist in Ordnung... wie immer in den letzten acht Jahren! Tausend Gedanken machte ich mir und alle führten zum selben Ergebnis: Ich war gar nicht die treulose Ehefrau für die ich mich die ganze Zeit über hielt, ich war einfach unglücklich. Und das schon so lange, dass ich es mittlerweile für normal hielt. Ich hielt aus Gewohnheit an dieser einst wahnsinnig großen Liebe fest und ganz unbewusst hatte ich mich neuorientiert, weil es in der Natur des Menschen liegt Dinge zu ändern, die einem nicht gut bekommen. Genau das war meine Ehe: Unbekömmlich! An manchen Tagen konnte ich gar nicht so viel essen wie ich kotzen wollte!

Am nächsten Tag stand meine Entscheidung fest. Ich wollte die Scheidung. Ich brauchte nur noch die richtige Gelegenheit um es meinem "besten" Mann mitzuteilen. Nein, ich wollte das nicht, weil ich IHN wollte, sondern weil ich keine Chance mehr für diese Ehe sah. ER war sowieso nicht zu haben, ich würde niemals einer schwangeren Frau den Mann weg nehmen und erst recht nicht den Kindern ihren Vater. Das würde ich mir nie im Leben verzeihen. Aus diesem Grund habe ich meine Scheidung ihm gegenüber auch nie erwähnt.

Am selben Tag bot sich mir die Gelegenheit bei einer Auseinandersetzung. Ich sagte meinem Mann klar, dass ich ihn nicht mehr liebe und ich möchte, dass er geht. Als Zeichen für meine Entschlossenheit, legte ich den Ehering ab. Er tobte zwei Tage lang wie ein wildes Tier und bekam am dritten Tag hohes Fieber. Lag vier Tage heulend im Bett und raffte sich dann wieder auf. Monatelange Funkstille folgte meinerseits, während er sich bemühte mir zu zeigen, dass doch mehr von dem Mann den ich geheiratet habe in ihm steckt, als in den letzten Jahren zu sehen war. Was hätte ich ihm sagen sollen? "Es ist hoffnungslos, der Platz in meinem Herzen ist schon besetzt"? Wie ein Klo, auf dem schon Einer draufsitzt! Es machte mich wahnsinnig, dass er sich nicht um eine Wohnung bemühte. Andererseits trug sein Verhalten sehr zur Verbesserung seiner Beziehung zu den Kindern bei und die Kinder genossen es.

Am nächsten Morgen nach dem klärenden Gespräch, glänzte mein Lieblingsdozent wie ein Honigkuchenpferd. Die Sonne selbst vermochte nicht mehr zu strahlen als er, in dem Moment, als er mich erblickte. Und meine Wenigkeit...lief einfach an ihm vorbei und würgte ein trockenes "Hallo" heraus. Mehr war eben nicht drin und es war auch gut so. Er brauchte sich darauf nichts einzubilden, ich will ihn nicht haben und er braucht nichts von meinem Scheidungsentschluss zu wissen. Er soll ruhig denken, dass ich ihn abgehackt habe, soll sich auf seine Frau konzentrieren und mich in Ruhe lassen!

Gleich zum Feierabend sollte ich verspüren, wie schmerzhaft meine blöde "Ruhe" sein konnte! Anstatt über einen kleinen Busch zu springen, wie immer, um so nahe wie möglich an mir und meinem Fahrrad vorbei zu laufen - lief er plötzlich durch ein großes Gebüsch, um so weit wie möglich aber bemerkt zu seinem Auto zu gelangen. Idiot! Das blieb auch so, bis das Gebüsch zu wuchs, sobald das Wetter wärmer wurde. Alles andere in seinem Verhalten bleib aber gleich, so wusste ich, dass er versucht "mir aus dem Weg zu gehen" wie wir es besprochen hatten.

Ich hasste das Gefühl der Ohnmacht, das er in mir auslöste, wenn ich ihn sah. Es verschlug mir einfach die Sprache. Und ich hasste diese Tage die uns einander nicht näher brachten oder bringen konnten. Ich glaube aber, dass es ihm genauso ging, denn er stolperte öfters sobald er mich sah.

Die letzten drei Monate widmete ich mich dem Wirtschaftsenglisch. In diesem Kurs traf ich eine ganz besondere Frau. Sie funktioniert genau wie ich und ist genauso alt wie ER. Sie war erstaunlicherweise 20 Jahre lang mit einem ähnlichen Mann wie meiner verheiratet und musste auch aufgeben. Wir verstanden uns auf Anhieb so gut, dass ich sie bald in mein Geheimnis einweihte. Die Geschichte beeindruckte sie sehr, aber als sie sah wie er sich nach mir umguckt, kullerten ihr Tränen über die Wangen. Von nun an hatte ich jemanden zum Reden und es tat so gut. Außerdem bildete sie sich ihre eigene Meinung über diese Geschichte, da sie ja unbeteiligt war. Sie erklärte mir z.B. warum ich ihn nicht umarmen konnte, wie die anderen Dozenten. Es lag auf der Hand, ich konnte es nur nicht sehen: Mit den anderen ging ich völlig unbefangen um, aber er übte eine so große Anziehung auf mich aus, dass ich mich dieser Situation aus reinem Selbstschutz nicht aussetzen wollte. Ferner öffnete sie mir die Augen, mit den einfachsten Dingen die es gibt, die ich aber vor lauter schlechtem Gewissen nicht sah und bewegte mich dazu gegen Ende meiner Zeit dort erneut auf ihn zuzugehen. "Warum machst du dir so viele Gedanken über seine Frau? Du bist nicht für den Erhalt seiner Beziehung zuständig! Was ist wenn er auch unglücklich ist? Das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit der Fall, denn in eine intakte Beziehung hat ein Dritter keinen Platz". Oh Gott! Wie Recht sie doch hatte!

Sechs Wochen vor dem endgültigen Ende, kam seine Tochter zur Welt und er blieb eine Woche zuhause. Natürlich wurde ich wieder krank. Als er wieder kam, war ich der festen Überzeugung, dass die Sache beendet war und mied ihn wieder erfolglos. Ich wusste, ich musste ihm gratulieren und ich hoffte dabei nicht einfach tot um zu fallen. Ich kann mich so schlecht verstellen, ich bin eben wie ich bin, deshalb verschob ich es immer wieder. Bis er fordernd auf der Treppe wartete. Ich lief natürlich grüßend vorbei. Aber als ich merkte, dass er hinter mir hoch ging, gratulierte ich natürlich. Er drehte dann zufrieden um und lief wieder runter.

Kurz vor meiner Prüfung schrieb ich ihm einen Brief. Der Brief schrieb sich eigentlich von selbst, ich hielt nur den Stift, weil er vom Herzen kam. Er lautete in etwa so:

"Berichtigung unsers Dezembergesprächs.
Deine Frage ob denn zuhause alles in Ordnung ist machte mir bei längerem Nachdenken klar, dass ich schon viele Jahre unglücklich bin. Es war mir nur nicht bewusst, ich hatte mich einfach daran gewöhnt. Seit ich aber weiß, dass es dich gibt, finde ich keine Ruhe mehr. Es stellen sich mir in meinem Alltag viele Fragen auf die ich keine Antworten finde. Warum
-bist du morgens mein erster Gedanke, abends der Letzte und zwischendurch der Einzige?
-wache ich nachts auf und kann nicht wieder einschlafen vor lauter Gedanken?
-fahre ich morgens mit Lichtgeschwindigkeit hierher aber im Schneckentempo wieder nach Hause?
-kann ich keinen klaren Gedanken mehr fassen, wenn du vor mir stehst?
-bin ich bloß beim Anblick deines Autos gut gelaunt?
-habe ich das Gefühl, dass es dir genauso geht?

Lass mich bitte nicht gehen ohne zu wissen ob ich einfach nur bescheuert bin, oder es dir genauso geht. Weiter will ich nichts."

Er enthielt keinen Annährungsversuch und kein Angebot. Ich wollte es einfach nur wissen. Ich glaube viel mehr, ich wollte nur wissen ob ich es noch wert bin, geliebt zu werden und, dass ich nicht die einzige Bekloppte war, die sich in diesem ewig drehenden Kreis ohne Ausweg verfangen hatte.

Nach mehreren Tagen schaffte ich es ihm, mit zitternder Hand den Brief zu geben. Er entfaltete ihn sofort und las ihn vor mir. Damit hatte ich nicht gerechnet. Am Ende gab er unverständliches Zeug von sich, in etwa
-nja, bescheuert... Hi.. Eees ist doch aber sinnlos, oder .? (für wen ist es sinnlos und bin ich nun bescheuert oder nicht?)
-Ich weiß, ich finde es aber nur fair, wenn man das weiß! (ich nahm den Brief wieder an mich)

Damit ging ich und wartete auf eine Antwort. Und wartete...und wartete...und wartete...bis mich am nächsten Tag die Wut packte! Ist doch so! Wie lange braucht er, Mensch, um mal ja oder nein zu sagen? Er hat´s vielleicht schon vergessen, in dem Alter soll´s ja vorkommen! Der nimmt mich doch auf den Arm! Was grinst er mich denn so blöde an, wenn er mich sieht? Dieser Brief hat mich eine Menge Kraft gekostet und der feine Herr bequemt sich noch nicht einmal zu einer kurzen Antwort! Na warte, Freundchen, das Grinsen wird dir schon noch vergehen! Ich hätte zwei Kästchen aufmalen sollen, eins mit JA und eins mit NEIN, zum ankreuzen. Männerfreundlich! Ich hätte mir überhaupt den ganzen Brief wergsparen sollen, die Kästchen hätten gereicht...ja... und die Wut wurde immer größer...


Als ich ihn wieder traf und er mich anlächelte, sagte ich schroff:
-Lachst du mich an oder aus?
-Wie bitte? (er konnte seinen Ohren nicht trauen)
-Lachst du mich an oder aus?
-Gar nichts, nur so...
-Keine Antwort ist auch eine Antwort! (sagte ich im rauen Ton und ging einfach weiter)

Da ich aber nicht nur einen Engel auf der rechten Schulter zu sitzen habe, sondern auch einen Teufel auf der linken, reichte mir das natürlich nicht. Der kleine Teufel war der festen Überzeugung, dass der Brief zu viel Kraft und Überwindung gekostet hatte um jetzt ohne klare Antwort da zu stehen. Also begab ich mich nach Unterrichtsschluss und hatte eine sehr provozierende Haltung. Ich setzte mich vor ihm, in der ersten Reihe, haute leicht aber demonstrativ mit der Faust auf dem Tisch und sagte:
-So! Jetzt will ich´s aber wissen und stehe hier nicht eher auf bis ich das weiß!
-Was denn?
-Die Antwort auf meine Frage! in dem Brief!
-War da eine Frage drin? (ich schaute ihn voller Missachtung an) Ja, so genau habe ich ihn nicht gelesen...(ich dachte bloß: Schöne Zähne hast du, kann ich ein paar haben? und ballte die Faust unter dem Tisch)
-Geht´s genauso oder nicht?
-Nein, ich ...will meine Ruhe haben...
-Die kriegen Sie auch, sobald Sie geantwortet haben!
-Nein, ich will meine Ruhe haben... Neulich meinte auch eine Teilnehmerin, ich hätte mich in sie verliebt, weil ich ihr so nett die Tür aufhalte...
-Ah...fahren Sie allen Teilnehmerinnen nach? Gehört hier zum Service oder was?
-Ich fahre hier niemanden nach!..(jetzt wurde er etwas lauter).

Das Geräusch der Lampe, die sich über seinem Kopf von der Decke löste, war ohrenbetäubend. Sie schob ihn durch den Boden und den Keller, durch die Erde und den Mittelpunkt der Erde... bis es nicht mehr weiter ging! In einem kleinen dunklen Ort, mit einem einzigen Bewohner und einer riesigen Feuerstelle. Dieser war wegen seinen schlechten Tischmanieren so einsam, da er alle Gäste auf den Tisch bat. Sehr markant waren auch die roten Hörner! Aber Ihm gelang die Flucht, in die Felder wo der Pfeffer wuchs. Dort begegnete er dem Fuchs und dem Hasen beim Abendtee. Und genau DORT könnte er meiner Meinung auch bleiben! Dort passt er am besten hin!

Ich stand auf und ging erhobenen Hauptes, und zischte einen "Schönen Feierabend". Später sollte ich mich daran erinnern, dass ein Mann mitten im Gespräch in den Raum kam, und auch dort blieb, hinten.

Die Wut die mich ergriff war unbeschreiblich. Da hatte der mich doch ein Jahr lang des Spaßes wegen zum Narren gehalten! Langeweile zuhause, oder was? Was bewegt einen Mann dazu so etwas zu tun? Mit den Gefühlen anderer Menschen zu spielen, ihr Leben zu ruinieren... Oder wollte er nur "spielen"? Für diesen Fall hatte ich im Zoohandel ein hübsches Halsband gesehen, es stand drauf "Er tut nix, er will nur spielen"!

Ich fuhr einen kilometerlangen Umweg bevor ich nach Hause fuhr. Es tat einfach zu sehr weh, so konnte ich nicht nach Hause... In diesem Moment war er mir keinen Pfifferling mehr wert. In den nächsten Tagen ging er mir aus dem Weg oder ich bemerkte ihn einfach nicht. Meine Kollegin sagte mir aber, dass er einmal hinter mir in der Kantine stand. Davon weiß ich nichts.

Am letzten Tag hatten wir früher Feierabend. Ich ging und verabschiedete mich herzlich von allen Dozenten nur von ihm nicht. Als ich mit meiner Kollegin raus ging sah ich, dass die Tür zu seinem Raum offen stand, das hieß, die Teilnehmer waren schon weg. Ich unterhielt mich vor dem Gebäude noch über zwei Stunden mit meiner Kollegin. Später fiel mir ein, dass er die ganze Zeit in seinem Raum alleine saß, denn sein Auto stand noch da als wir gingen. Was hatte er die ganze Zeit gemacht? Hatte er vielleicht gewartet, dass ich mich verabschieden komme? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht!

Die nächste Zeit war sehr schwer. Ich fühlte mich ausgebrannt und fiel in ein tiefes Loch. Über Monate hinweg klingelte oft, manchmal sogar zwei Mal am Tag, das Telefon und der Anrufer meldete sich nicht. Ich hoffte oder wusste, dass er es ist.

Die Prüfungsergebnisse kamen zwei Monate nach Kursende. Die Urkunden musste ich persönlich abholen, was auch eine Chance war ihn zu sehen. Ich verabredete mich mit meiner Kollegin um die Ergebnisse abzuholen. Am besagten Tag war ich äußerst nervös, meine Füße zitterten auf den Pedalen und vor dem Gebäude würgte ich endgültig den Motor ab. Ich parkte (miserabel) und hoffte, er sieht mein Auto spätestens auf dem Weg zur Kantine. Ich wollte ihm die Chance geben, mit mir Kontakt aufzunehmen. Es führte aber nur dazu, dass er vorbereitet war und grüßte als würde ich jeden Tag dort sitzen. Diese Begrüßung belohnte ich mit einem äußerst kurzen Nicken und durchs Weggucken. Im Augenwinkel sah ich aber, dass er eine Weile einfach da stand und überlegte. Er holte sich dann sein Essen und setzte sich so hin, dass er mich im Blick hatte. Ich schaute nicht ein einziges Mal rüber! Dementsprechend ging er dann auch, ohne sich zu verabschieden. Meeehh und Muuhhh....

Jedes Mal, wenn ich dann noch dort war, etwa 2-3 Mal, tauchte er auf und grüßte. Ich hatte den Eindruck, dass dort viele Leute Bescheid wissen.

Mein Mann war nie ausgezogen. Etwa nach 8 Monaten "Kratzepfötchen", ließ ich ihn gezwungenermaßen wieder aktiv an meinem Leben Teil haben. Ich erkannte, dass es unwichtig ist, ob ich glücklich bin - wichtig ist nur das Glück meiner Kinder. Und sie lieben ihn. Ich fing an rückwärts zu zählen: Noch 13, 8 Jahre, dann bin ich frei! Ob sie mir wohl später dafür danken oder mich einfach auslachen?!

Ich fing insgesamt auf drei Arbeitsstelle an und jedes Mal war ich so unzufrieden, dass ich mich nach ein paar Monaten verabschiedete. Obwohl die Arbeitgeber mit mir sehr zufrieden waren, fand ich immer wieder Gründe die es mir unmöglich machten zu bleiben. Den Grund dafür erfuhr ich durch Zufall, als ich einen Film schaute. Ein einziger Satz, der wahrscheinlich für alle anderen Zuschauer völlig bedeutungslos war, zeigte mir warum ich überall unzufrieden war. Ich suchte immer nur ihn... und er war nirgendwo... Ich konnte mich von ihm nicht lösen, ich trug ihn immer tief in mir drin... ich fühlte mich nur dort wohl wo er auch war, wo ich glücklich und damit auch ZUHAUSE war!

Durch die Arbeit bekam ich es leider nicht mehr so mit, wenn das Telefon zuhause klingelte. Irgendwann hat es aber aufgehört und das Handy meines Mannes fing an zu klingeln. Es war die einzige Nummer, die ich für dringende Fälle auf meinem Anrufbeantworter gesprochen hatte. Es nervte ihn so wahnsinnig, dass er gar nicht mehr ran ging, wenn die AnruferID ausgeschaltet war. Manchmal ging ich aber ran, und niemand meldete sich. Bis mir eines Tages der Anrufer sagte "Bin ein Vollidiot". Ich erkannte die Stimme und war 3 Sekunden lang überglücklich. Aber mein Mann hatte "Vollidiot" mitbekommen und wurde wütend. Es reichte ihm jetzt mit den Anrufen und wollte einen Nachverfolgungsauftrag bei seinem Betreiber aufgeben. Die folgende Woche klingelte das Handy jeden Tag und dann wusste ich, dass ich es IHM irgendwie sagen muss. Ohne eventuell seine Beziehung auf Spiel zu setzten. Mit einem geheimen Emailkonto nahm ich über Email Kontakt zu ihm auf. Ich schrieb nur "Vollidiot - seit wann so streng zu sich selbst? Die Nummer gehört mir nicht". Er hatte verstanden, denn seit diesem Tag klingelte es nicht mehr. Wie es mir ging?... Ich war am Ende... Wenn ich bis jetzt bloß zu 90% sicher war, dass er es ist - so wusste ich es nun zu 100%. Er hat mich die ganze Zeit gesucht, aber warum hat er nie was gesagt? Würde er denn was sagen, wenn ich vor ihm stünde?

Das Telefon klingelte nie wieder, weder auf Festnetz, noch auf dem Handy. Dabei hatte ich die Ansage des Anrufbeantworters so schön geändert. Ich hatte auch meine Handynummer drauf gesprochen.

Ich entschied mich zu ihm zu gehen. Als ich eines Tages meinen Roller aus der Werkstatt abholte und der Mechaniker mir sagte, ich soll noch herumfahren um die Batterie aufzuladen, wusste ich: Der Tag war perfekt!

Ich fuhr also diese kleinen Straßen hoch und runter und hielt Ausschau nach ihm. Noch bevor ich einen Drehwurm kriegte, sah ich ihn... Er sah so anders aus... so dünn und alt und verschrumpelt. Ich hatte irgendwie das Gefühl, das man hat, wenn man eine Rosine anschaut - in dem Bewusstsein, dass sie einmal eine schöne Weintraube war. Er sagte nur "Hallo" und fragte Belangloses... dann verabschiedete er sich relativ schnell und ging. Da wurde es mir klar, dass er niemals etwas sagen würde... Aus dem einfachen Grund, dass... ein Mann, im Falle einer Trennung, nicht nur die Frau verliert - sondern auch die Kinder! Ob er wohl auch rückwärts zählt?

Den folgenden Brief ließ ich ihm über Facebook per Email zukommen, um mich endlich von dieser Geschichte losreißen zu können.

Hi!
Ich finde du hast jetzt lange genug nicht angerufen. Ich habe schon gewartet. Solange du immer angerufen hast, hat es zwar einige Leute genervt aber ich wusste wenigstens, dass du an mich denkst.

Wenn du nun bereit bist mit mir zu reden, dann schreibe mir einfach hier kurz. Auch bin ich heute von 10:00 bis 15:30 auf Festnetz zu erreichen, die Nummer hast du ja. Ich würde mich sehr freuen deine Stimme ganz unverbindlich zu hören.

Wenn du heute nicht anrufst, dann tue es bitte nie wieder - ich möchte gerne damit abschließen. Seit nun fast zwei Jahren finde ich keine Ruhe mehr - große Leistung für einen Mann den ich nie angefasst habe. Nie lernte ich einen Mann kennen der so perfekt zu passen schien, der so tickte wie ich selbst. Super Kunststück! Und wer träumt denn nicht von einer Partnerschaft ohne Reibereien, wo alles wie von selbst funktioniert. Es reicht mir aber auch mit der Gefühlsduselei! Ich habe keine Zeit und keine Nerven mehr dafür... Also melde dich und sag auch etwas oder lass es eben ganz sein. Fakt ist: Ich würde so wahnsinnig gerne mehr über dich wissen........länger in deine Augen schauen...........

Du hättest mich eben doch die Treppe runter stoßen sollen, dann wäre das Problem erledigt! HI! HA!
Lach mal wieder, du sahst neulich etwas mitgenommen aus... habe mich aber irrsinnig gefreut dich zu sehen, du musst ja immer flüchten - sowas nennt sich erwachsen! Verstehe ich nicht, mache ich dir Angst? Ich bin zwar ein Löwe, beiße und kratze aber nicht! Was hast du schon zu verlieren, ich zwinge dich doch zu nichts! Ich will nur wissen wie du wirklich bist.

Schaue dir bitte mein Profil an, ich werde es demnächst löschen.
Solltest du nicht der sein, den ich suche, so bitte ich dich um eine kurze Mail. Damit ich weiß, dass ich weiter suchen muss.
Gruß"


Er hat nie geantwortet.

Einerseits macht mich das sehr traurig, andererseits ist es ganz gut so. Ich bin ein Einzelkind - ich habe nie gelernt zu teilen! Erst Recht nicht den Mann! Abgesehen davon, kriege ich den Platz an meiner Seite so schnell auch nicht leer!

Im Laufe der Jahre, habe ich gedacht, dass ich abgestumpft bin. Durch ihn habe ich erfahren, dass ich sehr wohl noch fähig bin zu lieben. Sogar feuriger als mir lieb ist! Dafür bin ich ihm irgendwie dankbar. Nur zu gerne würde ich ihm aber auch das hübsche Halsband aus dem Zoogeschäft schenken!

Tja.. Wir Menschen meinen immer das Leben zu leben, das wir uns aussuchen und alles darin nach unserem Belieben beeinflussen zu können. Ich bin der Meinung, dass wir in Wirklichkeit nur Schauspieler sind, die sich strengstens ans Drehbuch halten müssen. Das Drehbuch schreiben andere! Die Menschen um uns herum, das Meiste übernehmen aber diejenigen die wir am meisten lieben. Ohne es zu wollen, sind sie erbarmungslos. Unsere Lieblinge können unsere Entscheidungen und unser Tun steuern, aber sie können uns nicht daran hindern, hoffnungslose Träume in unserem Herzen zu hüten und hin und wieder mal in ihnen zu versinken...

Noch 13,2 Jahre...

Christelmausi / November 2010

Die Liebe kam im Zug

Die Liebe kam nach vielen Jahren das erste mal zu mir. Es war Liebe auf den ersten Blick. Ich konnte nichts dagegen tun, es war wunderschön. Die Schmetterlinge tanzten in meinen Bauch. Er sagte später, bei ihm auch. Meine Sehnsucht ist so gross, doch er ist mir in meinem Herzen sehr nah. Wir wissen beide, wir haben nicht mehr so viel Zeit in unsrem Leben, denn das Alter hat uns auch eingeholt, drum genießen wir es sehr. Solch eine grosse Liebe und Zärtlichkeit haben wir beide noch nicht erfahren. Es ist so wunderschön, dass ich manchmal weinen könnte vor Glück. Ich möchte mit ihm jede Stunde und Sekunde verbringen, was uns aber durch die km zahl nicht möglich ist. So sehen wir uns jedes Wochenende, einmal bei ihm und einmal bei mir. Wir freuen uns auf dieses Wiedersehen. Ich spüre wie es weh tut, ihn nicht in die Arme nehmen und mich anlehnen und kuscheln zu können. Doch vielleicht, so habe ich die Hoffnung, sind wir eines Tages näher beieinander. Ich kann nur sagen, dass ich diesen Mann über alles liebe und er mich auch.

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