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Liebesgeschichten

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von *Orakel-im-Web / Orakelfreunde* - Besuchern
Marykey67 / Juli 2011

Sonjas Glocke

Ich begegnete bei einem meiner Spaziergänge einmal einem neunzigjährigen Glockengießer, der mir von seiner großen Liebe erzählte. Er meinte zu mir: "Ich habe in all den Jahren nie bemerkt, wie dick sie geworden ist, so lieb hatte ich diese Frau!" Seine Erzählungen inspirierten mich zu folgender Geschichte:


Es war die Zeit, in der das Abendessen an die Betten gebracht wurde. Als Hannes aus dem Fenster schaute, schneite es leise. Der Lärm von der Straße, das Schneebild, es war fast so, als wäre die Welt draußen vor dem Fenster eingefroren, so als würde er nicht Teil dieser Welt sein, sondern nur ein Betrachter eines bewegten Bildes.
Sonja schlief, sie schlief viel seit sie hier im Innenstadtklinikum war. "Es ist gut so, dass sie schläft", dachte er zärtlich. Der anstrengende Kampf gegen die Krankheit, er war beendet, war einem schmerzlichen Akzeptieren gewichen und jetzt einem fast heiteren Loslassen. Einen langen Weg waren sie gemeinsam gegangen. In all den Jahren hatte er nicht einmal wahrgenommen, wie sie sich verändert hatte, er sah in ihr immer noch die goldblonde Schönheit mit dem sommerlichen Blumenkleid, welche am Morgen des 21.6.1932 in die Kirche kam. Zum ersten Mal wurde ihm gewahr, dass Sonja alt war, alt und dick. Fast so, als wäre das eine neue Entdeckung, dass man mit 85 Jahren alt war, ging er zittrig zum Spiegel hinter dem Vorhang. Er knipste die kleine Lampe an und blickte sich neugierig an.
"Weiße Haare", murmelte er,"so viele weiße Haare, und die Falten und Runzeln, warum kann man nicht ebenso schön sterben, wie wir damals waren? Warum muss alles alt und kraftlos werden. Oder ist es nur unsere Wahrnehmung, welche uns täuscht? Ich habe in ihr immer nur meine Schönheit gesehen, meine Liebe, die Mutter meiner Kinder, die Gefährtin und Kämpfende, meine Leidenschaft." "Was redest Du denn?" Sie war aufgewacht und blickte in das leicht beleuchtete Zimmer. Er wandte sich vom Spiegel ab und ging zu dem Stuhl neben dem Bett, um sich zu ihr zu setzen. Ihre Hand ergriff sofort die seinige, so saßen sie eine Weile still da. Der Essenswagen näherte sich der Tür, gleich würde eine der Schwestern klopfen und mit professioneller Heiterkeit das Essen anbieten.
"Heute gibt es Wurstplatte mit Brot oder sie können auch Käse haben, wie sie möchten. Dazu Obst oder wahlweise Kompott?" "Ich nehme Käse und Obst", antwortete Sonja. Die Krankenschwester kam ans Bett, stellte es auf Sitzposition, schüttelte das Kissen auf und schob das Nachtkästchen so hin, dass der daran montierte Klapptisch über den Schoß von Sonja reichte. Sie stellte die Käseplatte und das Brotkörbchen auf den Tisch und legte das nötige Besteck dazu. "Ich wünsche noch einen guten Appetit, später komm ich dann nochmal wegen dem Blutdruck vorbei." Die banalen Aktionen hatten etwas Unwirkliches in diesem Augenblick. Hannes wollte eigentlich nicht, dass sie jetzt essen musste. "Sie stirbt eh, ich will bei ihr sein, und mit ihr reden, wie früher."

Er war erstaunt über seinen Egoismus, der sich in ihm breit machte. Sonja aß, sie aß selbst jetzt noch gerne, das liebte er an ihr.
"Schmeckt's?", fragte er und stupste ihr zärtlich an die Wange.
"Hannes, weißt Du, eigentlich würde ich ja lieber selber kochen, aber man lässt mich nicht. Die haben da solche Vorschriften!"
Er lachte, lachte befreiend und auf einmal kamen sie die Tränen, die Tränen, die er sich immer selbst verboten hatte. Über der Käseplatte ihr liebes Gesicht, essend und akzeptierend. "Sonja, entschuldige. Es ist nur, Du bist so dick geworden. Ich habe das nie an Dir gesehen. Ich will nicht, dass Du ohne mich gehst. Mit wem soll ich denn reden? Du isst hier einfach, als wäre alles so wie früher!"
"Es wird immer wie früher sein, Hannes, so wie früher! Als wir uns oben unter dem Kirchengebälk zum ersten Mal küssten, als Du mir Deine erste Glocke gezeigt hast, weißt Du noch, so wird es immer sein! Wie stolz Du warst, weißt Du noch, als Du meine Hand genommen hast?"
"Ich habe Dich gesehen, ich wollte nur noch Dich, mein Liebes!"
"Ich war schon jemand anderem versprochen, mein Hannes, aber das hat Dich gar nicht gestört." "Er war nicht Dein Mann, Sonja, und das weißt Du!"
"Ja...", meinte sie leise, und in ihren alten, blauen Augen leuchtete es auf mit der Erinnerung an das Kirchengebälk, an die weiße Wäsche im Stroh, im Sommer, das Piksen und Kratzen und ihre erste Liebesnacht im August. Selbst in ihren alten Jahren spürte sie noch das Kribbeln der Heimlichkeit des Verbotenen. Die Schwangerschaft der Unfall, der Tod eines ihrer Kinder und Enkel....der Tod.
"Christine", weinte sie auf einmal leise, "meine liebe kleine Tochter." Hannes schob den Tisch, der zwischen ihnen stand auf die Seite und setze sich neben sie auf das Bett. Er nahm sie in die Arme, und ließ sie weinen. Schweigend fühlte jeder den anderen. Sie war so vertraut, so nah, sie war seine Geschichte.

Die Krankenschwester klopfte. Hannes stand auf und setzte sich anständig zurück auf den Stuhl. "Ich muss noch den Blutdruck messen, Frau Schwind."
Die Sinnlosigkeit der Aktion wurde beiden bewusst. Erst vor einer Woche hieß es, man könne nichts mehr unternehmen. Krebs im Endstadium. Jetzt tut man gerade so, als müsse man ihnen mit den vielen Untersuchungen das letzte bisschen Zeit rauben, welche ihnen noch blieb."Hannes, hol mich heim. Ich möchte bei uns zu Hause sein. Frag Erich und Lisa, ob sie Dir nicht helfen können. Ich möchte nach Hause. Ich möchte nochmal die Berta läuten hören, ich möchte nochmal in die Auen, mich an Christine und ihre Kinder erinnern, bitte, wenn es irgendwie geht, dann hol mich heim. Hier ist kein Ort um Abschied zu nehmen!" Hannes blickte auf. Er sah in Sonja die Jugend, Schönheit und Stärke zurückkommen. "Sie hat die Würde eines weißen Lippizanerhengstes," dachte er damals, als er sie mit 21 Jahren das erste Mal erblickte . Hannes kam es vor, als sei diese Begegnung, die mehr als sechzig Jahre zurücklag, erst gestern geschehen. Seine Gedanken schweiften zurück in seine Jugend...


"Könnten Sie mir bitte behilflich sein, ich suche den Herrn Pfarrer, es ist doch hier eine Stelle als Sekretärin ausgeschrieben?"
"Ja was zum Kuckuck tun Sie denn hier oben?", Hannes drehte sich erzürnt um, und blickte in zwei fragende, hellblaue Augen.
"Verzeihung, ich habe den Lärm gehört, dann kam ich rauf, ich wollte mich wegen der Stelle erkundigen."
Ein wenig verlegen über seine vorige Wut antwortete Hannes, "Oh, ja, ehm, der Herr Pfarrer, der ist nicht da oben, der musste kurz weg. Wissen Sie wir hängen heute die Berta auf, ich bin der Glockengießer, Hannes, Hannes Schwind. Die Hand gebe ich Ihnen besser nicht, die ist einfach zu schmutzig vom Werkeln."
"Oh, das freut mich aber, ich habe noch nie einen Glockengießer kennen gelernt. Sonja ist mein Name, Sonja Zechmeister. Dann ist das ja heute eine Glockentaufe, oder wie nennt man das?"
"Ja, also die eigentliche Veranstaltung ist erst nächsten Sonntag, da wird dann eine Festmesse gelesen, aber Sie suchen ja den Herrn Pfarrer. Der ist Mittag essen gegangen. Genau dasselbe hatte ich eigentlich auch vor in ein paar Minuten. Sie können mir ja ein wenig Gesellschaft leisten, bis er wieder da ist!"

Hannes und Sonja saßen ein wenig später unten im Park vor der Kirche. Er öffnete seine Brotzeittasche und nahm eine Flasche mit Tee aus ihr. Gott sei Dank hatte er zwei Becher, in welche er den Zitronentee eingießen konnte. "Hier," meinte er und reichte Sonja den Becher. Es waren die ersten schönen Frühlingstage vor Ostern.
"Warum will so eine hübsche Frau wie Sie arbeiten? Haben Sie denn keinen Mann, der für sie sorgt?"
"Sie sind aber neugierig," wies Sonja die Frage gleich ab. Wehmütig dachte sie an ihre Verlobung mit Ernst. Er war ein ernsthafter Mann, gewiss. Er hatte eine sichere Anstellung in der Post und wäre sicher ein liebevoller Familienvater. Doch manchmal vermisste sie etwas an ihm. War es die Begeisterung über eine Sache, vielleicht war er ihr zu leise?
"Du redest immer wie ein Buch!" beschwerte er sich öfters im Spaß.
"Kribbelts bei Dir auch, wenn Du Deinen Ernst umarmst?", fragte sie einmal ihre naseweiße kleine Schwester, die gerade das zarte Backfischalter von 15 Jahren erreicht hatte.
"Ja," meinte Sonja lakonisch, doch ihr Blick blieb dabei sehnsüchtig. Ein geübter Menschenkenner hätte wohl gesehen, dass die Antwort nicht ganz aufrichtig war. "Ja, es kribbelt ganz toll im Bauch."
"....zwei Jahre haben die Arbeiten gedauert und jetzt kommt sie endlich zum Einsatz! Aber Sie hören mir ja gar nicht zu, Frau Zechmeister!"
"Wie, ach die Glocke, ja sehr interessant", antwortete Sonja. "Sie haben einen wirklich himmlischen Beruf, und wie begeistert sie sind, das ist wirklich schön."


Es klopfte, die Tablette wurden wieder eingesammelt. Hannes wartete bis die Schwester sich über das Tischchen am Nachttisch beugte. ,Ich werde gleich jetzt fragen, ich hol sie heim, meine Sonja!', ging es ihm durch den Kopf. "Ich weiß, es ist vielleicht jetzt nicht gerade der günstigste Augenblick, Sie um etwas zu bitten. Aber ich würde gerne, vielmehr wir, Sonja und ich, wir wollen nach Hause. Ich könnte eine Schwester aus der Nachbarschaftshilfe bitten, ihr die nötigen Schmerzmittel zu injizieren. Aber Sie sehen ja selbst. Meine Frau und ich, wir wollen uns in unserem Heim auf alles vorbereiten, was da noch kommt. Könnten Sie bitte so lieb sein, für mich die nötigen Formalitäten zu erledigen?" Die Schwester hörte sich erstaunlich ruhig das Anliegen an. Sie hatte schon seit langem begriffen, dass diese zarte Liebe zwischen den beiden etwas ganz besonderes war. Ihr kam es manchmal vor wie ein Duft oder eine Lichtwolke, die so alte Paare um strömte, wenn sie einen so langen gemeinsamen Lebensweg in Liebe gegangen waren. "Natürlich, ihren Wunsch kann ich Ihnen sehr gut nachfühlen. Ich werde noch heute mit dem Oberarzt sprechen," meinte sie. Sonjas Augen leuchteten bei dem Gedanken und Hannes setzte sich erleichtert neben sie.
"Ruhe Dich doch noch aus, Liebes!" sagte er, als die Schwester das Zimmer verlassen hatte.
"Hat's Dich auch so gekribbelt?", fragte sie leise.
"Immer, ja immer mein Liebes!"
Wieder leuchteten die Erinnerungen wie zarte Lichtschimmer in die stille, traurige Abschiedsszene des Wintertages.


"Das ist aber laut!", schrie Sonja, als Hannes ihr anbot die Glocke mal Probe läuten zu lassen.
"Bei dem Lärm wird man ja ganz taub!"
"Das hört gleich wieder auf. Für mich ist es das schönste Geräusch auf Erden!"
Sonja begann die Wartezeit mit diesem lustigen Kerl immer mehr zu genießen. Schade, dass der Pfarrer alles unterbrach mit seiner Rückkehr.
"Ach, Grüß Gott Herr Pfarrer! Ich habe heute Besuch da, der eigentlich für sie bestimmt ist. Darf ich Ihnen die junge Dame vorstellen, Sonja Zechmeister!" Sonja gab dem alten Pfarrer ein wenig eingeschüchtert die Hand.
"Ich wollte mich über die Anstellung als Sekretärin bei Ihnen erkundigen. Ich habe gerade die Handelsschule nachgeholt. Ich kann gut Schreibmaschine und Stenographie, und bin selbstverständlich katholisch getauft."
"Na dann gehen wir doch am besten in mein Arbeitszimmer, Fräulein Zechmeister."
Zwei Stunden später verließ Sonja erfreut das Büro. Ihr erste Anstellung, ihr erstes eigenes Geld!
'Wieso wollen Sie arbeiten?' kreiste es ihr im Kopf rum. Auch Ernst war nicht so begeistert.
"Ich will mein eigenes Geld, und von niemanden abhängig sein!" hat sie trotzig zur Antwort gegeben. Oder war es mehr als Trotz, war es nicht das Gefühl, dass sie mit der Verlobung irgendwie etwas falsch gemacht hatte? "Schon wieder Sie!" lachte Hannes. Gedankenverloren war Sonja Hannes direkt in den Rücken gelaufen.
"Ach!" lachte sie, "stellen Sie sich vor, ich habe die Stelle!"
"Na, das gehört aber gefeiert, meine Liebe!" Eine Viertel Stunde später saßen die beiden in der Burg Wolkenheim bei einem Glas Wein.
"Ich, ehm bin verlobt, Hannes", sagte Sonja plötzlich.
"Oh, schade, das solltest Du rückgängig machen!" meinte er traurig.
"Ich glaube, ich gehe besser," antwortete sie nur.

Der Festgottesdienst für die neue Glocke wurde mit einem wunderbaren Orgelkonzert von J.S. Bach beendet. Als die Kirchenbesucher sich erhoben begann Hannes das Glockenkonzert. Sonja wollte eben zum Ausgang gehen, als sie plötzlich die Richtung änderte, um zum Turm zu kommen.
"He, passen Sie doch auf!" meinte einer der Leute, die sie in ihrer Hast an rempelte. Sie rannte die schmale, sich windende Turmtreppe hoch und nahm dabei immer gleich zwei Stufen auf einmal. Hannes spürte, dass zwei Augen ihn von hinten anstarrten. Er drehte sich um. "Du?" Erfreut staunend ging er auf sie zu.
"Sag jetzt nichts!" meinte sie leise. Er umarmte sie langsam und fühlte ihren Herzschlag, der vom schnellen Treppen hoch rennen wie ein Pferd galoppierte. Sie drückte ihren Kopf an seine Brust. Er streichelte zärtlich ihre Wangen und fühlte mit der anderen das wunderschöne Haar. Ganz behutsam begann er ihr auf den Mund zu küssen, erst die Oberlippe, dann ein wenig in den Mundwinkel. Sonja begann seine Zärtlichkeiten zu erwidern. In ihrem Bauch fühlte sie ein vibrierendes Kribbeln hoch steigen. Sie wollte mehr von diesem Kribbeln, merkte sie, viel mehr und öffnete ein klein wenig den Mund. Sie ließ das unbehagliche Empfinden, dass sie wegen Ernst seit Tagen plagte einfach unten in der Kirche.
Hier im Turm war sie frei, frei und verspürte den Drang mit diesem Mann bis aufs Äußerste zu gehen.
"Mir ist schon ganz schwindlig!", hauchte sie, "Bitte warte noch!"
"Ich hab mich in Dich verliebt, Sonja!"
"Ich muss jetzt gehen!"
Sie spürte wieder diese Zerrissenheit von vorhin und lief in dem Bewusstsein nach unten.

Nachmittags war sie mit Ernst wie immer sonntags zum Spazieren gehen verabredet. Er holte sie von Ihrer kleinen Pension ab, in der sie sich in der Verlobungszeit einquartiert hatte. Sie war gereizt, denn sie wollte ehrlich sein, und es war ihr verboten, weil sie heiraten sollte. "Ich habe ihn lieb," redete sie sich ein.
Wie immer schlenderten sie die Isar entlang deren grünes Wasser sich in leisen Strömungen sanft bewegte.
"Ich habe Aussichten darauf zum Oberpostdirektor befördert zu werden. Danach könnten wir uns trauen lassen." "Ja", antwortete Sonja artig.
"Du bist heute so still, so kenne ich Dich ja gar nicht!"
"Och, nur so!"
Sie schlenderten gewohnt Händchen haltend nebeneinander den Grasweg lang. Ihr Ziel war eine kleine Bank, wo sie üblicherweise immer ein wenig Rast machten.
'Ich heirate ihn, komme was wolle, alles andere ist zu kompliziert!' Sie saß sinnierend neben Ernst, der wie immer unbedacht eine wenig von der Arbeit erzählte.
"Stell Dir vor neulich hat doch glatt ein Oberpostdirektor Pakete mit nach Hause genommen!"
"Oh, das ist ja spannend!" Sonja wollte jetzt nicht über Pakete sprechen. Den ganzen langen Tag schon dachte sie nur an das, was oben im Turm passiert war. Sie fühlte ein Verlangen nach Hannes, welches ihre Vernunft schon längst besiegt hatte.
"Er muss sich dafür vor Gericht verantworten!" Sonja hielt es nicht mehr aus.
"Ach Liebes, ich langweile Dich!", unterbrach Ernst. "Wir sollten über die Hochzeitsangelegenheiten sprechen. Ich denke, am besten wäre es in der Pfarrei zu heiraten, wo Du auch als Sekretärin angestellt bist!"
"Wie, ach ja, eh nein, oder doch, ich glaube, da will ich heiraten."


Treulich geführt ziehet dahin,
wo euch der Segen der Liebe bewahr'!
Siegreicher Mut, Minnegewinn
eint euch in Treue zum seligsten Paar.
Streiter der Jugend, schreite voran!
Zierde der Jugend, schreite voran!
Rauschen des Festes seid nun entronnen,
Wonne des Herzens sei euch gewonnen!
(1)


Das Lied wollte und wollte nicht aufhören. Sonja schritt neben Ernst würdig zum Traualtar. Die vergangenen Wochen waren begleitet von inneren Kämpfen, ob sie wohl Ernst reinen Wein einschenken sollte. Abgelenkt wurde sie nur von der neuen Anstellung als Sekretärin. Sie hatte Hannes gemieden, war auf Briefe seinerseits nicht eingegangen. Zu sehr fürchtete sie sich vor Veränderungen und Enttäuschungen.
Es war still im Hintergrund. Das Paar stand vor dem Pfarrer, der soeben mit der Hochzeitsansprache beginnen wollte, als plötzlich ein gewaltiges Glockenkonzert begann. Die neue Berta mitsamt den anderen Glocken ertönte in ihrer ganzen Klangespracht. Die Sonne schien durch die Mosaikfenster, die Gäste auf den Bänken schauten irritiert. Selbst die Brautmutter, welche vor Rührung zu weinen begonnen hatte, stellte ihre üblichen Hochzeitstränen verwundert ein.
"Sonja, wach auf!" schienen die Glocken zu sagen, "wach endlich auf!"
"Ja, ich kann nicht!", sagte Sonja. "Ernst, ich muss mit Dir ein ernstes Wort reden!"
"Was?", rief Ernst.
"Ernst, ich kann Dich unmöglich heiraten. Ich bin aufgewacht. Ich liebe Berta, vielmehr Hannes, der die Berta gegossen hat!"
"Gegossen, Berta! Sag mal, Sonja ich denke, Du bist etwas verwirrt!", schrie Ernst bei dem Krach.
"Nein, ich liebe Hannes. Ich gehöre zu ihm. Mit ihm will ich Kinder haben!" Sonja zuckte mit den Achseln und drehte sich in Richtung Glockenturm. ,Jetzt oder nie!' Sie nahm allen ihren Mut zusammen und rannte nun ein zweites Mal die schmale Treppe empor. "Diesmal bleibe ich!", hauchte sie, zwischen zwei Küssen, als Hannes sie umarmte...

Sonja war wieder eingenickt. Das Schneegestöber draußen wurde immer heftiger. Die Nacht war inzwischen hereingebrochen und die Straßenlaternen leuchteten in die tanzenden Schneeflocken, während ungeduldige Autofahrer einen wendenden Lastwagen anhupten. Tanzende Schneeflocken und das Abendläuten der Kirche am Giesinger Berg, genau wie damals, bei Christines Beerdigung....
Läuten und Schneeflocken, das Läuten, ganz laut, um den Schmerz wegzuläuten, die Kälte und der Schnee, um ihn einzufrieren. Sonja stand starr vor dem offenen Grab ihrer erst 25 jährigen Tochter Christine. Das Herz zog sich zusammen wie ein Stein, der nichts fühlen wollte und konnte. Bei jedem Schluck hatte sie das Empfinden, dass sie ersticken würde. "Ihre Tochter hatte einen Autounfall. Wir mussten sie leider ins Krankenhaus bringen. Den Kindern geht es gut soweit." 'War das sensibel genug?', dachte sich der Polizist, der die furchtbare Nachricht bringen musste? Christines Mann Joseph überlebte nicht. Er war von der Straße abgekommen, ein Baum - er konnte nicht mehr ausweichen, und Christine, sie lebte noch einen Tag, ohne jedoch noch einmal zu Bewusstsein zu kommen. Die Kinder, Susanne und Felix, sie wurden noch am selben Abend bei Oma und Opa untergebracht. Nur Berta läutete, als wäre nichts geschehen.

Sie läutete immer gleich in ihrer Klangespracht, weder traurig noch leidenschaftlich. Es war beruhigend, dass sie zumindest den Anschein von etwas Ewigem vermittelte. Der Ton überdauerte die Jahre des Schmerzes und der Freude und brachte dem Lauschenden das Gefühl einer göttlichen Sicherheit. Wie ein kleines Kind, das morgens in seinem weichen Bettchen aufwacht, in einem hell erleuchteten Zimmerchen, und denkt es sei im Himmel. 'Aber wahrscheinlich ist für ein Kind alles Himmel', dachte Hannes bei sich...

Sonja war auf einmal zu leise. Still und friedlich lag sie in dem Bett. "Hannes hörst Du es auch, das Läuten?"

....Die Uhr an Hannes Hand war stehen geblieben, und an der offenen Tür erschien die Silhouette der Schwester mit den Formalitäten. Der Schnee fiel nun leise und lieb.

(1) Hochzeitsmarsch "Treulich geführt" von Richard Wagner (Brautchor aus Lohengrin)

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