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Liebesgeschichten

von *Orakel-im-Web* - Besuchern

 
Kipper / email / Juni 2004

Märchen? - Geschichten vom Mörderwal

Häuser am Fluß


Paul ist der Geschäftsführer beim Ketten-Weber. Er war früher mal Wasserballnationalspieler, und jetzt ist er der Vorstand des Sportfliegervereins. Er braucht ein paar Gorillas, die seine Flugzeughalle in Schleißheim ausräumen helfen, damit der Faschingsball Platz hat, drinnen. Es ist Februar, aber es liegt kaum Schnee.
Am Samstagvormittag schieben wir die Segelflugzeuge aus der Halle ins Freie und schleppen alle möglichen Teile raus und tragen Tische und Stühle rein in die Halle und bauen eine Bühne auf und eine Bar und hängen Dekorationen an die Decke. Dann kriegt jeder von uns 20 Mark und eine Einladung für den Abend.
Ich hab eigentlich gar keine Lust zu sowas, und bestimmt nicht in irgendeiner blöden Verkleidung. Aber dann zieh ich doch saubere Jeans an und ein weißes Shirt und glatte Schuhe zum Tanzen und mal mir mit dem Farbstift ein paar Sommersprossen auf die Nase und die Backen. Das muß reichen.
Als ich abends um zehn Uhr in die Halle komm, ist sie knallvoll und heiß. Die Band spielt Hardrock und über allem steht Zigarettenrauch drüber und Stimmengewirr. Ich treff ein paar Leute meines Schwimmvereins, die sagen, es wär lahm hier und Mädchen wären auch fast keine da, jedenfalls keine guten. Ich schau in den Saal, aber es ist so schummrig, daß man nichts Genaues erkennt. Paul kommt rüber zu uns und hat eine Tüte voller Luftballons dabei und meint, wenn sie wieder tanzen, dann sollen wir die Ballons aufpusten und in die Menge werfen, "damit Stimmung in die Bude kommt!" Wir tun ihm den Gefallen, und als die Musiker wieder in ihre Instrumente zu blasen beginnen, blasen wir mit. "IKARUS" steht auf den Ballons mit schwarzer Farbe aufgedruckt. Das ist der Name des Fliegerclubs. Wir kicken die Ballons unter die Tanzenden und sehen zu, wie sie von denen weiter in die Luft gestupst werden, immer weiter und immer höher.

Dann seh ich sie.

Sie ist mittelgroß und hat ein weißes Männerhemd an und eine kurze Trachtenlederhose mit breiten Hosenträgern, Kniestrümpfe und klobige Halbschuhe unten, eine kleinen frechen Hut zurückgeschoben auf den langen schwarzen Haaren, die sie mit roten Schleifchen zu zwei Zöpfen gebunden hat. Sie wirkt kräftig und tanzt, ohne auf den Typ zu achten, der bei ihr ist. Als sie in meine Nähe kommt, sieht sie mich oben neben der Bühne, mit dem Luftballon in meiner Hand, und sie streckt die Arme bettelnd danach aus. Ich geb dem Ballon einen Klaps in ihre Richtung, aber ein anderer ist schneller und schlägt ihn weg von ihr. Sie macht einen Schmollmund und ich zucke bedauernd die Schultern.
Nach einer halben Minute kommen sie nochmal vorbei und ich hab einen neuen Luftballon, und diesmal klappt es. Sie fängt ihn auf und hält ihn hoch über den Kopf und lacht mich an mit blitzenden Zähnen und läßt ihn platzen. Dann ist sie nah genug und ich hör sie rufen: "Noch einen!" aber sie wird von der wogenden Menge abgedrängt und ich verlier sie aus den Augen.
Ich such nach ihr in der Halle, später, und sie sitzt bei ein paar älteren Leuten an einem Tisch, vor sich eine Cola und gelangweilt auf dem Stuhl vor- und zurückschaukelnd. Sie richtet sich auf und schaut rauf zu mir. "Böses Mädchen!" sag ich zu ihr, während ich mich neben ihr an die Tischkante lehne. "Wieso?" fragt sie und ich sag, daß man mit sensiblen Dingen wie Luftballons nicht so brutal umgehen darf. Sie lacht und antwortet, daß Luftballons zerknallen Spaß macht und daß ich gar nicht so sensibel aussehen würd. Ich sag "das täuscht," und als die Musik wieder einsetzt, tanzen wir zusammen.
Wir fassen uns nicht an dabei und sehn in unsere Gesichter. Sie hat einen breiten, vollen Mund und große, weiße Zähne und ihre Augenbrauen sind so dunkel und so dicht wie Nachtschmetterlingsraupen. Und sie hat große braune Augen und ein ausgeprägtes Kinn mit einem kleinen Grübchen drin und ihre Haare sind dick und glänzend schwarz. Ihre Schultern sind ziemlich breit und ihre Handgelenke sind kräftig, aber die Hüften sind schmal und die Beine sind fest. Als wir uns zum ersten Mal berühren, spür ich die Kraft, die hinter ihren Schultern sitzt, und ich spür den sanften Druck von zwei großen Brüsten hinter den breiten Trägern ihrer Lederhose.
Sie mustert mich genauso offen und tippt mich mit dem ausgestreckten Zeigefinger an und ruft durch den Lärm der Band, ob das echt wär oder eine Attrappe. Ich zuck nur mit den Schultern und sie fährt mit ihrer freien Hand ungeniert in den Ärmel meines Shirts, bis vor zu meiner Brust, und zwickt mich. Ich geb ihr mit zwei Fingern einen Klaps auf die Backe und sag noch mal, daß sie ein böses Mädchen wär. Sie fragt, ob ich keine bösen Mädchen mag. "Nein," sag ich, "mag ich nicht."
Wir stellen uns an einen frei werdenden Platz an der Bar. Sie will keinen Alkohol und wir trinken Orangensaft und sie heißt Angelika und Maria und hat einen kleinen Akzent, sie kann das ö und das ü nicht richtig aussprechen, es klingt mehr wie o und u, und sie stolpert über das r und sie kommt aus Garmisch. Ihr Vater war amerikanischer Soldat und der wär gleich zurück in die Staaten und ihre Mutter ist nicht verheiratet und hat einen Freund. Sie will wissen, warum ich so ausschaue und ich erzähl ihr was von meinem Sport und als ich sie das gleiche frag, sagt sie, daß sie Schifahrerin ist und vor einem Monat aus dem Kader rausgeflogen wär.
"Klar," sage ich, "du bist viel zu hübsch für die Rösser da drin." Sie schaut mich an, ohne rot zu werden, und will wieder tanzen und ich weiß, daß ich dabei bin, mich in sie zu verknallen.
Wir berühren uns erst bei Procol Harum und bewegen uns fast gar nicht zu "A Whiter Shade of Pale". Ihre Haut ist so glatt und sie riecht so gut und sie fühlt sich so gut an, und als wir nachher in der Halle nach einem stillen Plätzchen suchen, sag ich, daß sie ein tolles böses Mädchen ist.
Wir sitzen uns auf einer Bank gegenüber und ich frag sie nach ihrem Spitznamen und sie sagt, daß man sie daheim Angie nennt. Ich sag, daß mir das nicht gefällt, "für mich bist du Anjou, weil du so dunkel bist." Sie will wissen, was ich mache und ich sag ihr, daß ich Metzger bin. Sie lacht und meint, daß sie das nicht glaubt, weil Metzger zwar auch stark sind, "aber viel dicker sind die und einen Stiernacken haben sie alle und grobe rote Hände, die nach Fett riechen und nach Blut." Sie nimmt meine Hände und schaut sie an und sagt "viel zu gepflegt." Aber dann sieht sie die Handflächen mit den Schwielen drin und wird schwankend. "Hast du einen Laden?" fragt sie und ich sag, daß ich bei der Firma Südfleisch am Band arbeite. Sie läßt meine Hand nicht aus und meint, sie hätt noch keinen Metzger gesehen, der ausschauen würd wie der Erzengel Gabriel und der nett wär und sensibel.
Ich frag, ob ihr das mit meinem Beruf was ausmacht und sie lacht und sagt "nein, aber ich könnt kein Tier schlachten." Sie macht gerade in Miesbach im Internat das Abitur und sie will dann an die PH nach München und Lehrerin werden. Dann fragt sie mich noch mal, ob das stimmt mit meiner Arbeit, und ich sag "ja, klar" und daß ich nicht wirklich sensibel wär. Ich hätt nur eine einzige Schwäche: "Ich kanns nicht sehen, wenn Mädchen Luftballons aufpusten und platzen lassen. Das macht mich total fertig."
Sie lacht mich aus und will wissen, ob ich Angst davor hätte und ich sag ihr, daß es nicht Angst ist, sondern daß es mich irgendwie bis ins Innerste berührt, "schon seit meiner Kindheit. Aber es ist schön so." Und sie fragt, wieso das so ist und ich sag "weiß nicht." Wir sitzen uns bestimmt mehr als eine Minute lang gegenüber und schauen uns nur an. Ein Typ kommt und will sie zum Tanzen holen, aber sie achtet nicht auf ihn. Da nehm ich sie in die Arme und sie nimmt mich um den Hals und ihr Gesicht ist ganz nah und ihr Mund ist so groß und so weich und ihre Zunge so warm und so süß und alles andere ist weg. Wir sitzen eine halbe Ewigkeit auf dieser Bank und wir spüren uns durch den dünnen Stoff durch und dann sagt sie mir ins Ohr, daß sie nicht gewußt hätt, daß Metzger so sind.
Da ruft eine rauchige Frauenstimme hinter mir: "Passen sie auf, junger Mann! Lassen sie sich von der nicht um den Finger wickeln!" Ich dreh mich um.
Tigerlilly!
Die Frau hat einen Leopardenmini an und braune Fellstiefel und eine Bluse, die den Nabel freiläßt, und ihr Gesicht ist wie eine Katze geschminkt und sie hat eine Kraushaarperücke auf. Sie hängt an einem großen, ziemlich dicken Scheich, und ihre schwarzen Augen funkeln mich an. "Kennst du die?" frag ich das Mädchen und es macht ein böses Gesicht und sagt, ohne hinzuschauen, "ja, das ist Mutti!" und "laß uns in Frieden, hörst du!" Aber dann lacht sie doch und wir lachen mit und der Leopard verschwindet mit seinem Scheich wieder im Gewühl.
"Das war deine Mutter?" frag ich. "Bist du mit deiner Mutter da?" Sie sagt, sie wär nur widerwillig hierher gekommen und auch nur deshalb, weil sie Krach mit ihrem Freund gehabt hätt und weg wollte und daß ihre Mutter in Ordnung wär, nur völlig überkandidelt, manchmal. Ich frage nach dem Alter der Frau und erfahre, daß sie erst 36 ist. "Jesus", sage ich, "und wie alt bist du?" Sie sagt, sie wär gerade 19 geworden und ihre Mutter wär 17 gewesen, als sie ihren Vater kennengelernt hätte, und sie würd ganz gut mit ihrer Mutter auskommen, weil sie über die Woche im Internat in Miesbach wär und nur an den Wochenenden heimkommt, ab und zu.
Dann tanzen wir wieder.
Irgendwann ist der Scheich zurück, mit dem Leoparden, und sie wollen heim und die Tochter mitnehmen. Anjou und ich sehen uns an und fühlen beide, daß es nicht so enden darf. Die Mutter fragt, ob ich nicht am nächsten Morgen zum Frühstück kommen will, zu ihnen. Ich seh das Mädchen an und sie mich und ich sag "gern!" obwohl es nicht stimmt und ich eigentlich gar nicht dorthin will, wo sie alle sind.
Aber dann seh ich ihr Gesicht und bereue es nicht. Wir küssen uns hinter dem Rücken der beiden nochmal und sie nennt mir die Adresse und sagt "komm um neun, dann schlafen sie alle noch!" und dann ist sie weg.

Fortsetzung dieser Geschichte -->

Zusatz: es sind Erinnerungen...sie sind schön und schmerzhaft...bittersweet....

(c) Dr. Peter Wißmath

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