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2004 Märchen?
- Geschichten
vom Mörderwal
Häuser
am Fluß
Paul ist der Geschäftsführer beim Ketten-Weber. Er war
früher mal Wasserballnationalspieler, und jetzt ist er
der Vorstand des Sportfliegervereins. Er braucht ein paar
Gorillas, die seine Flugzeughalle in Schleißheim
ausräumen helfen, damit der Faschingsball Platz hat,
drinnen. Es ist Februar, aber es liegt kaum Schnee.
Am Samstagvormittag schieben wir die Segelflugzeuge aus
der Halle ins Freie und schleppen alle möglichen Teile
raus und tragen Tische und Stühle rein in die Halle und
bauen eine Bühne auf und eine Bar und hängen
Dekorationen an die Decke. Dann kriegt jeder von uns 20
Mark und eine Einladung für den Abend.
Ich hab eigentlich gar keine Lust zu sowas, und bestimmt
nicht in irgendeiner blöden Verkleidung. Aber dann zieh
ich doch saubere Jeans an und ein weißes Shirt und
glatte Schuhe zum Tanzen und mal mir mit dem Farbstift
ein paar Sommersprossen auf die Nase und die Backen. Das
muß reichen.
Als ich abends um zehn Uhr in die Halle komm, ist sie
knallvoll und heiß. Die Band spielt Hardrock und über
allem steht Zigarettenrauch drüber und Stimmengewirr.
Ich treff ein paar Leute meines Schwimmvereins, die
sagen, es wär lahm hier und Mädchen wären auch fast
keine da, jedenfalls keine guten. Ich schau in den Saal,
aber es ist so schummrig, daß man nichts Genaues
erkennt. Paul kommt rüber zu uns und hat eine Tüte
voller Luftballons dabei und meint, wenn sie wieder
tanzen, dann sollen wir die Ballons aufpusten und in die
Menge werfen, "damit Stimmung in die Bude
kommt!" Wir tun ihm den Gefallen, und als die
Musiker wieder in ihre Instrumente zu blasen beginnen,
blasen wir mit. "IKARUS" steht auf den Ballons
mit schwarzer Farbe aufgedruckt. Das ist der Name des
Fliegerclubs. Wir kicken die Ballons unter die Tanzenden
und sehen zu, wie sie von denen weiter in die Luft
gestupst werden, immer weiter und immer höher.
Dann seh ich sie.
Sie ist mittelgroß und hat ein weißes Männerhemd an
und eine kurze Trachtenlederhose mit breiten
Hosenträgern, Kniestrümpfe und klobige Halbschuhe
unten, eine kleinen frechen Hut zurückgeschoben auf den
langen schwarzen Haaren, die sie mit roten Schleifchen zu
zwei Zöpfen gebunden hat. Sie wirkt kräftig und tanzt,
ohne auf den Typ zu achten, der bei ihr ist. Als sie in
meine Nähe kommt, sieht sie mich oben neben der Bühne,
mit dem Luftballon in meiner Hand, und sie streckt die
Arme bettelnd danach aus. Ich geb dem Ballon einen Klaps
in ihre Richtung, aber ein anderer ist schneller und
schlägt ihn weg von ihr. Sie macht einen Schmollmund und
ich zucke bedauernd die Schultern.
Nach einer halben Minute kommen sie nochmal vorbei und
ich hab einen neuen Luftballon, und diesmal klappt es.
Sie fängt ihn auf und hält ihn hoch über den Kopf und
lacht mich an mit blitzenden Zähnen und läßt ihn
platzen. Dann ist sie nah genug und ich hör sie rufen:
"Noch einen!" aber sie wird von der wogenden
Menge abgedrängt und ich verlier sie aus den Augen.
Ich such nach ihr in der Halle, später, und sie sitzt
bei ein paar älteren Leuten an einem Tisch, vor sich
eine Cola und gelangweilt auf dem Stuhl vor- und
zurückschaukelnd. Sie richtet sich auf und schaut rauf
zu mir. "Böses Mädchen!" sag ich zu ihr,
während ich mich neben ihr an die Tischkante lehne.
"Wieso?" fragt sie und ich sag, daß man mit
sensiblen Dingen wie Luftballons nicht so brutal umgehen
darf. Sie lacht und antwortet, daß Luftballons
zerknallen Spaß macht und daß ich gar nicht so sensibel
aussehen würd. Ich sag "das täuscht," und als
die Musik wieder einsetzt, tanzen wir zusammen.
Wir fassen uns nicht an dabei und sehn in unsere
Gesichter. Sie hat einen breiten, vollen Mund und große,
weiße Zähne und ihre Augenbrauen sind so dunkel und so
dicht wie Nachtschmetterlingsraupen. Und sie hat große
braune Augen und ein ausgeprägtes Kinn mit einem kleinen
Grübchen drin und ihre Haare sind dick und glänzend
schwarz. Ihre Schultern sind ziemlich breit und ihre
Handgelenke sind kräftig, aber die Hüften sind schmal
und die Beine sind fest. Als wir uns zum ersten Mal
berühren, spür ich die Kraft, die hinter ihren
Schultern sitzt, und ich spür den sanften Druck von zwei
großen Brüsten hinter den breiten Trägern ihrer
Lederhose.
Sie mustert mich genauso offen und tippt mich mit dem
ausgestreckten Zeigefinger an und ruft durch den Lärm
der Band, ob das echt wär oder eine Attrappe. Ich zuck
nur mit den Schultern und sie fährt mit ihrer freien
Hand ungeniert in den Ärmel meines Shirts, bis vor zu
meiner Brust, und zwickt mich. Ich geb ihr mit zwei
Fingern einen Klaps auf die Backe und sag noch mal, daß
sie ein böses Mädchen wär. Sie fragt, ob ich keine
bösen Mädchen mag. "Nein," sag ich, "mag
ich nicht."
Wir stellen uns an einen frei werdenden Platz an der Bar.
Sie will keinen Alkohol und wir trinken Orangensaft und
sie heißt Angelika und Maria und hat einen kleinen
Akzent, sie kann das ö und das ü nicht richtig
aussprechen, es klingt mehr wie o und u, und sie stolpert
über das r und sie kommt aus Garmisch. Ihr Vater war
amerikanischer Soldat und der wär gleich zurück in die
Staaten und ihre Mutter ist nicht verheiratet und hat
einen Freund. Sie will wissen, warum ich so ausschaue und
ich erzähl ihr was von meinem Sport und als ich sie das
gleiche frag, sagt sie, daß sie Schifahrerin ist und vor
einem Monat aus dem Kader rausgeflogen wär.
"Klar," sage ich, "du bist viel zu hübsch
für die Rösser da drin." Sie schaut mich an, ohne
rot zu werden, und will wieder tanzen und ich weiß, daß
ich dabei bin, mich in sie zu verknallen.
Wir berühren uns erst bei Procol Harum und bewegen uns
fast gar nicht zu "A Whiter Shade of Pale".
Ihre Haut ist so glatt und sie riecht so gut und sie
fühlt sich so gut an, und als wir nachher in der Halle
nach einem stillen Plätzchen suchen, sag ich, daß sie
ein tolles böses Mädchen ist.
Wir sitzen uns auf einer Bank gegenüber und ich frag sie
nach ihrem Spitznamen und sie sagt, daß man sie daheim
Angie nennt. Ich sag, daß mir das nicht gefällt,
"für mich bist du Anjou, weil du so dunkel
bist." Sie will wissen, was ich mache und ich sag
ihr, daß ich Metzger bin. Sie lacht und meint, daß sie
das nicht glaubt, weil Metzger zwar auch stark sind,
"aber viel dicker sind die und einen Stiernacken
haben sie alle und grobe rote Hände, die nach Fett
riechen und nach Blut." Sie nimmt meine Hände und
schaut sie an und sagt "viel zu gepflegt." Aber
dann sieht sie die Handflächen mit den Schwielen drin
und wird schwankend. "Hast du einen Laden?"
fragt sie und ich sag, daß ich bei der Firma Südfleisch
am Band arbeite. Sie läßt meine Hand nicht aus und
meint, sie hätt noch keinen Metzger gesehen, der
ausschauen würd wie der Erzengel Gabriel und der nett
wär und sensibel.
Ich frag, ob ihr das mit meinem Beruf was ausmacht und
sie lacht und sagt "nein, aber ich könnt kein Tier
schlachten." Sie macht gerade in Miesbach im
Internat das Abitur und sie will dann an die PH nach
München und Lehrerin werden. Dann fragt sie mich noch
mal, ob das stimmt mit meiner Arbeit, und ich sag
"ja, klar" und daß ich nicht wirklich sensibel
wär. Ich hätt nur eine einzige Schwäche: "Ich
kanns nicht sehen, wenn Mädchen Luftballons aufpusten
und platzen lassen. Das macht mich total fertig."
Sie lacht mich aus und will wissen, ob ich Angst davor
hätte und ich sag ihr, daß es nicht Angst ist, sondern
daß es mich irgendwie bis ins Innerste berührt,
"schon seit meiner Kindheit. Aber es ist schön
so." Und sie fragt, wieso das so ist und ich sag
"weiß nicht." Wir sitzen uns bestimmt mehr als
eine Minute lang gegenüber und schauen uns nur an. Ein
Typ kommt und will sie zum Tanzen holen, aber sie achtet
nicht auf ihn. Da nehm ich sie in die Arme und sie nimmt
mich um den Hals und ihr Gesicht ist ganz nah und ihr
Mund ist so groß und so weich und ihre Zunge so warm und
so süß und alles andere ist weg. Wir sitzen eine halbe
Ewigkeit auf dieser Bank und wir spüren uns durch den
dünnen Stoff durch und dann sagt sie mir ins Ohr, daß
sie nicht gewußt hätt, daß Metzger so sind.
Da ruft eine rauchige Frauenstimme hinter mir:
"Passen sie auf, junger Mann! Lassen sie sich von
der nicht um den Finger wickeln!" Ich dreh mich um.
Tigerlilly!
Die Frau hat einen Leopardenmini an und braune
Fellstiefel und eine Bluse, die den Nabel freiläßt, und
ihr Gesicht ist wie eine Katze geschminkt und sie hat
eine Kraushaarperücke auf. Sie hängt an einem großen,
ziemlich dicken Scheich, und ihre schwarzen Augen funkeln
mich an. "Kennst du die?" frag ich das Mädchen
und es macht ein böses Gesicht und sagt, ohne
hinzuschauen, "ja, das ist Mutti!" und
"laß uns in Frieden, hörst du!" Aber dann
lacht sie doch und wir lachen mit und der Leopard
verschwindet mit seinem Scheich wieder im Gewühl.
"Das war deine Mutter?" frag ich. "Bist du
mit deiner Mutter da?" Sie sagt, sie wär nur
widerwillig hierher gekommen und auch nur deshalb, weil
sie Krach mit ihrem Freund gehabt hätt und weg wollte
und daß ihre Mutter in Ordnung wär, nur völlig
überkandidelt, manchmal. Ich frage nach dem Alter der
Frau und erfahre, daß sie erst 36 ist.
"Jesus", sage ich, "und wie alt bist
du?" Sie sagt, sie wär gerade 19 geworden und ihre
Mutter wär 17 gewesen, als sie ihren Vater kennengelernt
hätte, und sie würd ganz gut mit ihrer Mutter
auskommen, weil sie über die Woche im Internat in
Miesbach wär und nur an den Wochenenden heimkommt, ab
und zu.
Dann tanzen wir wieder.
Irgendwann ist der Scheich zurück, mit dem Leoparden,
und sie wollen heim und die Tochter mitnehmen. Anjou und
ich sehen uns an und fühlen beide, daß es nicht so
enden darf. Die Mutter fragt, ob ich nicht am nächsten
Morgen zum Frühstück kommen will, zu ihnen. Ich seh das
Mädchen an und sie mich und ich sag "gern!"
obwohl es nicht stimmt und ich eigentlich gar nicht
dorthin will, wo sie alle sind.
Aber dann seh ich ihr Gesicht und bereue es nicht. Wir
küssen uns hinter dem Rücken der beiden nochmal und sie
nennt mir die Adresse und sagt "komm um neun, dann
schlafen sie alle noch!" und dann ist sie weg.
Fortsetzung
dieser Geschichte -->
Zusatz:
es sind Erinnerungen...sie sind schön und
schmerzhaft...bittersweet....
(c) Dr. Peter Wißmath
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