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Fortsetzung von Kippers
Geschichte: Häuser am Fluß
... Am Sonntag hat
der Föhn den Himmel aufgerissen. Die Luft ist lauwarm
und ich rolle durch die schrägen Strahlen der
Morgensonne bis in die Herzogstraße. Ich klingle bei dem
angegebenen Namen und der Türsummer geht und ich komm in
ein Treppenhaus, in dem es nach Bohnerwachs riecht und
nach Sauberkeit. Sie steht am Treppenabsatz und strahlt
runter von oben und legt den Finger auf den Mund und
bedeutet mir, ich soll unten bleiben. Sie verschwindet im
Türeingang und kommt gleich wieder raus und zieht beim
runterkommen ihren Mantel an. Es ist ein halblanges,
rotes Stoffding mit einem Kunstpelzfutter innen drin und
drei schmalen, schwarzen Lederstreifen ringförmig um den
Oberkörper und sie sieht mit ihrer Oberweite aus wie ein
kleines Faß, damit.
Als sie bei mir unten ist, wissen wir beide nicht genau,
ob wir da weitermachen sollen, wo wir letzte Nacht
aufgehört haben. Wir stehen uns gegenüber und sehn uns
an und sie hat ein wunderschönes Gesicht und eine
ungeheure schwarze Haarmähne und so dunkle Augen und
einen so wunderbaren, großen Mund, daß ich nicht
wegschauen kann. Sie sagt "laß uns abhauen, bevor
sie wollen, daß wir das Brot brechen mit ihnen, da
drinnen" und ich sag, daß ich mit dem Motorrad da
bin und gern mit ihr in die Innenstadt fahren und ihr was
zeigen würd, und sie sollte ein Kopftuch oder eine
Mütze haben. Erst dann nehmen wir uns in die Arme und
küssen uns ganz kurz. Sie macht sich gleich wieder frei
und läuft nochmal rauf und bringt Handschuhe mit und
eine bunte Strickmütze mit einem Bommel dran.
"Wow!" sagt sie, als sie meine Maschine sieht.
"Eine Ducati!" Ich frag, woher sie sich dabei
auskennt, aber sie zuckt nur die Schultern und sagt
"so halt." Dann will ich wissen, ob sie schon
mal auf dem alten Peter oben war, bei einem Föhnhimmel,
und zusammen mit einem Metzger über die Dächer von
München geschaut hat. Sie sagt "nein, aber ich
würds gerne machen." Sie stopft ihr Haar unter die
Mütze und zieht die Handschuhe an und ich zeig ihr, wo
die Füße hingehören, damit sie nicht am Auspuff
verbrennen, und wie sie sich an mir festhalten kann. Dann
tret ich die Maschine an und sie schwingt sich hinter
mich und schmiegt sich an mich und wir schweben durch die
leeren Straßen bis zum Petersturm.Das heißt - fast bis
dorthin. Denn am Isartor bleibt die Mühle stehn und
macht keinen Mucks mehr. Das Benzin ist alle. Anjou
schimpft nicht, sondern sie lacht und faßt mit an und
wir schieben die Karre gemeinsam bis zur Tankstelle.
Ungefähr zwei Kilometer sind es und die Tankstelle hat
noch zu. Wir lassen die nutzlose Italienerin zurück dort
und gehn zu Fuß weiter in die Innenstadt, nebeneinander,
ohne uns
anzufassen. Sie fragt, wo ich wohne, wo meine Eltern
sind, warum ich so einen Beruf hab, was das mit dem Sport
ist und ob ich Schifahren kann.
Ich erzähl ihr, daß es keinen Vater gibt und daß meine
Mutter in Köln lebt und daß ich ein Haus am Stadtrand
hüte, das einer alten Frau gehört, die das ganze Jahr
auf Reisen ist. "Das mit dem Beruf ist so, wie es
ist," sag ich, "und das mit dem Schwimmen: hab
Probleme inzwischen damit, jeden Tag stundenlang zu
baggern wie ein Blöder, für eine Fahrkarte zu den
Olympischen Spielen und für die Kohle von der
Sporthilfe." Und Schifahren könnt ich fast gar
nicht. Ich hätt es zwar mal gelernt, aber wegen der
Verletzungsgefahr darf ich nicht, weil sonst die
Sporthilfe nicht mehr zahlt.
Wir steigen über die knarrenden Treppen den feuchtkalten
Kirchturm hinauf, vorbei an schmalen
Schießschartenfenstern, dunkel drohenden Glocken und
aufflatternden Tauben und treten durch den Vogelmist raus
auf die Plattform, in das strahlende warme Föhnlicht,
und sehen die Stadt zu unseren Füßen und die
Schneeberge am Horizont. Wir sind die einzigen dort oben
und nehmen uns an die Hand und schauen und schauen, und
sie will wissen, ob ich eine Freundin hab. Ich sag
"keine feste." Als sie mich stumm ansieht, sag
ich "hab noch nie eine feste Beziehung zu einem
Mädchen gehabt, ging immer nur ein paar Tage oder ein
paar Wochen gut." Sie erzählt, daß sie auch ohne
Vater aufgewachsen wär, und daß sie eigentlich immer
eine feste Beziehung zu einem Mann gesucht hätte. Aber
daß daraus nie was geworden wär und daß sie den
Freund, den sie bis gestern hatte, nicht mehr wiedersehen
will. Ich frag "warum?" und sie zuckt die
Schultern und sagt mit ihrem wunderschönen Gesicht über
ihrem unmöglichen Mantel, daß sie keine Lust mehr
hätt, nur so. Sie sagt nicht "nur so". Sie
sagt "for fooling around."
Ich frag, ob sie weiß, was ein Orakel ist. Natürlich
weiß sie das, "Kassandra und Delphi und so
weiter." "Das Orakel ist ein Spiel," sag
ich, und ob sies hier und jetzt mit mir spielen will, und
sie sagt ohne Zögern "ja, klar." Ich hol aus
der Tasche meiner Lederhose zwei Luftballons von gestern,
einen roten und einen blauen. "Welche Farbe?"
frag ich und sie sagt "blau." Ich geb ihr den
blauen Ballon und sag, sie soll ihn aufblasen. "Bis
er platzt?" "Nein," sag ich, "schau
mir zu." Und ich blas den roten Ballon auf, bis er
schön prall ist und knote ihn zu und sie macht es
genauso mit dem ihren. "Und jetzt?" will sie
wissen. "Wir werfen sie über Bord," sag ich,
"und dann werden wir sehen, ob wir zusammenbleiben
werden oder nicht."
Sie hält den Ballon über die Brüstung und läßt ihn
aus und er wird vom Aufwind hochgehoben, über das Dach
des Kirchturms. Ich schicke meinen Luftballon hinterher,
aber er wird wie von einem Sog nach unten gezogen;
während der meine rasch in irgendeinem dunklen Innenhof
drunten verschwindet, ist der ihre bald nur noch ein
kleiner blauer Punkt weit draußen. "Und
jetzt?" fragt sie mich. Ein älteres Paar tritt auf
die Plattform und blinzelt in die Sonne.
"Jetzt?" Ich schau ihr in die Augen und sag
"jetzt natürlich erst recht!" und wir haben
uns in den Armen und ihr Mund ist überall in meinem
Gesicht und ihr Haar ist wie ein Schleier über allem und
wir küssen uns, bis wir keinen Atem mehr haben.
Dann gehen wir ins Café Glockenspiel und essen
Apfelkuchen.Wir stellen fest, daß wir erst am nächsten
Samstagabend wieder Zeit füreinander haben; sie muß zu
einer Feier von irgendeiner Tante in München und kriegt
das Auto ihrer Mutter dazu. Sie fragt, ob sie sich das
Haus der alten Frau anschauen kann und ich sag
"klar, das wär toll," und daß wir ins Kino
gehen könnten oder in eine Ausstellung und ich könnt
was kochen. "Was," fragt sie, "kochen
kannst du?" "Klar," sag ich, "jeder
Metzger kann kochen." Sie will wissen, was ich
kochen kann und ich sag "für dich alles" und
sie will gebackene Kalbsleber mit selbstgemachtem
Kartoffelbrei und grünen Salat und irgendeinen
Nachtisch. Ich sag, daß das ein sehr ungewöhnliches
Essen wär für ein so hübsches Mädchen und will noch
wissen, was für ein Nachtisch es ein soll. Und was ich
dafür kriegen werde. Sie will Eis und heiße Himbeeren
und ich darf mir wünschen, was ich will. "Was ich
will?" "Ja, was du willst."
Wir gehen zu der Tankstelle zurück, die inzwischen auf
hat, und füllen Benzin in die Maschine und ich bring
Anjou wieder in die Herzogstraße. Ich geh nicht mit
rauf, sondern fahr gleich weiter zur Flugzeughalle, zum
Aufräumen.
(c)
Dr. Peter Wißmath
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Geschichte
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