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Morgenrot
Eine Geschichte von © Herakles / April 2005
Da war sie, die erste Offizierin. Er glaubte seinen Augen kaum. Sie sah dermassen echt weiblich aus, obwohl sie den Männern im Mut wohl ebenbürtig sein mochte, dass in ihm alle Träume und nebligen alten Geschichten seiner Kindheit erwachten.
Der alte Soldat. Er war auch Offizier geworden, und so sah er sie denn überhaupt, aber er war nicht Offizier mit seinem Herzen. Im Herzen war er ein alter Soldat, noch dazu einer, der dem Pazifismus der neueren Zeit viel abgewinnen konnte. Sie aber war da, sie war nun einmal da. Wohl wäre sie auch eine Hilfe zur Verhinderung von falschen Kriegsgelüsten der Kämpfer, so dachte er zumindest. Sie würde dem Kampfgeist allein durch ihr Wesen ein menschlicheres Gesicht zu geben wissen. Dennoch war sie Offizier, zumindest wurde sie so genannt. Das störte ihn dermassen, dass er sich insgeheim wochenlang nicht fassen konnte noch sich zu einem angemessenen Verhalten durchzuringen vermochte.

Dann die Geschichte mit dem Glauben. Er ging an die Hochschule, da wo Geistliche zur Weihe gelangen können. Statt zu beten, wie vorgeschrieben, schlief er gewöhnlich ein, ein alter Soldat kann nämlich überall schlafen.Und dann sein letzter Versuch, auszubrechen, um sie zu gewinnen; er lud sie ein, zu seiner Überraschung war sie sogar bereit, herzukommen, aber dann stellte sich heraus, dass die beiden einander nicht näherkommen konnten, Gott weiss warum, irgendwie ging es nicht. Dann das Erinnern: Noch bevor sich die beiden kennengelernt hatten, zehn Jahre früher, war er ein echter Soldat gewesen, frischgebacken, aber überzeugt davon, dass Krieg das Hinterletzte ist, was dumme Menschen sich ausgeheckt haben.
Damals war einer bei ihm in der Gruppe, Meier geheissen, ein weiblicher Typ, über den manche witzelten, aber kein schwacher, sondern recht gross und darum meist bei guter Laune. Schliesslich haben es grosse Gebirgssoldaten meist doch etwas leichter als kleine, ausser die Giftzwerge, die herumzwirbeln und damit noch alle schlagen können. Dieser Meier wurde plötzlich auf einer Kleinwagenfahrt von einem Mitstreiter "die Meier" tituliert, und unser Soldat wusste, ja, er wusste, dass da an dieser Stelle eine Frau hergehörte. Und nun, zehn Jahre später, sass eine da. Genau an derselben Stelle, im Kleinwagen. Er schüttelte nur lächelnd den Kopf in sich hinein.
Alle wollten übrigens diese Meier, wenn auch heimlich, und daher wohl nicht ganz echt. Aber er war bei weitem nicht der einzige, der etwas spürte, das war klar. Sie wusste nicht recht, was das alles bedeuten sollte, war sie doch mit den alten Geschichten, die in den Soldaten stecken, nicht so recht vertraut. Wie wollte sie auch! Neunundsiebzig Prozent der Geschichten in Soldatenköpfen drehen sich um irgend welche Frauen, und sie war schliesslich auch jemand...
Sie gab sich freundlich-zurückhaltend und fragte sich, wie sie etwas oder jemand in dieser Gesellschaft werden könne. Sehnsucht war für sie eher etwas, zu dem ein Achselzucken gehört. Sie wusste nur nicht recht, was sie nun tatsächlich ausstrahlte.

Und da war dann noch der Tag mit der Zugschule. Für einen echten Soldaten ist die Zugschule das Hinterletzte. Ja, wenn man zuschauen kann, dann natürlich nicht, dann kann es lustig sein. Aber wer einmal selber herumgehetzt wurde, weiss, woran unser Soldat dachte, als auf dem Platz seine einstigen Mitstreiter anzutreten hatten. Er hatte sich vor Jahren vorzustellen versucht, eine Frau wäre an der Stelle seines Zugführers, und es war die einzige Stelle im Leben, wo er sicher war: eine Frau macht das nie oder doch nie richtig. Hier behielt er übrigens recht, denn sein Eindruck war, dass sie es unverständlich anstellte, aber eben sein Eindruck; er wusste nicht, was er davon zu halten hatte, dass sie es nun tat.
Dann kam die Übung, wo er und sie hautnah nebeneinander sassen und beinahe das Gleiche zu tun hatten; er hatte kaum Arbeit, weil der Friede in dieser Übung in der Luft lag, denn seine Einheit würde, so wusste man, nächstens aufgelöst. Sie aber versah genau die Aufgabe, die er als Soldat früher, in untergeordneter Stellung, auch zu leisten gehabt hatte.

Und dann der Schluss: Auf einmal waren seine eigenen Untergebenen anders zu ihm; man hatte in ihm den einfachen Machtmenschen gesehen, der es zwar recht gut meint, aber doch befehlen möchte, und dem man nur im Nötigsten und widerstrebend gehorcht, nun aber - obwohl keiner seine seltsame Sehnsucht erblickte, da man sie und ihn kaum je zusammen sah, nun aber begeisterten sich die einfachen Soldaten plötzlich für ihn. Es war, als ob sie ihm den Kummer trügen, der doch keiner war, denn als sich endlich die Einheit auflöste, kochte der Frieden sein Süppchen im Herzen unseres Offiziers, der eigentlich ein alter Soldat geblieben ist und der nun Geistlicher wird und ab und zu schläft statt zu beten, allerdings holt er das Beten gewissenhaft nach, und darum verzeiht man's ihm gerne.
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